Portrait: Sayes – Von pendelnden Froschlurchen und schrägen Vögeln

Sayes aus Leipzig (Foto: Martin Neuhof)

Wenn die Frage lautet, wie viel dein Outfit wert ist und wie viele Jungs hinter dir breitschultrig den persönlichen Security mimen…wenn zum tausendsten Male erzählt wird, dass alle gegen mich waren und man alles super allein aufgebaut hat…dann fragt man sich gelegentlich: Gibt es auch noch jemanden, den der Gegenüber interessiert, oder geht es hier nur noch um das jeweilige Ego? Müssen wir uns echt schon feiern, bevor wir überhaupt etwas gerissen haben – nur, weil man nicht vergessen will sich zu feiern? In solchen Situationen wünsche ich mir Dialog, Diskurs, Bereicherung durch breite Gedankengänge. Und das muss nicht hochkomplex sein. Es würde einfach schon die Frage helfen: „Wer bist Du?“.

Aber wer stellt denn schon so blöde Fragen? Nun, Sayes tut das. Jedesmal wenn ich diesen Rapper irgendwo live gesehen hab, war diese Frage ein Teil des Gigs. Stellen wir diese Frage doch mal in die andere Richtung: Lieber Künstler, da auf der Bühne – wer bist du denn?

Im Groben lässt sich sagen: Er ist einer dieser Typen, die scheinbar immer auf Reise sind – physisch und mental. Vom Job auf zum Texte schreiben – ins Studio und zur Bühne und am nächsten Tag in einer anderen Stadt – eben ein „Pendler“. Und wenn der Körper mal in Leipzig ruht, frisst sich der neugierige Geist über die Landkarten aus Gedanken, Ansichten, dem Du und dem Ich.

Gestandener Live-Rapper (Foto: Manski Muetze)

Ist der Text aus den Windungen entwichen, bleibt nur Freestyle. So geschehen bei seinem ersten Gig im Jugendalter. Und diese Situation hat im Nachhinein Sayes auch markanter gemacht, als es so anderer Person vielleicht passiert wäre. Heute steht da jemand, dem man aus der Kalten das Mic zuwerfen kann und er legt nicht nur „Haus-Maus“-Reime hin – es sind tatsächlich Stories, die Umgebung oder ein Blick in das Innere.

Diese Fähigkeit resultiert aus dem Werdegang – der nach seiner Jugend über Raggaebands, die Formung von „Rana Esculenta“ und ebenso politisches Wirken (z.B. Netzwerk In.Flammen) nun darüber hinaus zum „Höhlenkollektiv“ aus Leipzig führte.

Das Gesicht gehört zum Szenebild, und dies kam nicht von allein. Teilnahme an Battles, Solis wo es möglich ist – oder einfach ein Nachmittag mit Beats auf der Wiese und Passant:innen stolpern über die kleinen bildreichen Geschichten in seinen Freestyles. Die Erfahrungen in Battles und OpenMics haben scheinbar viel an ihm und seiner Kunst definiert – ist das Ganze für ihn nicht nur Show, sondern ein weiterer Weg zur Entwicklung und zum Diskurs. Es stellt eine Verfestigung des eigenen Wesens dar, zu kontern und zu hinterfragen – und ebenso die Herausforderung, sich in der Art selbst treu zu bleiben, wie man sich langfristig sehen will. So waren persönliche und politische Standpunkte auch immer ein entsprechend wichtiger Faktor des Rappers.

Aber muss das denn immer politisch sein? Muss Rap das überhaupt? Das ist vielleicht eine Betrachtungsfrage. Sayes sieht sich als „Diskursrapper“. Das klingt nach einer ganzen Menge Mäkelei und erhobenem Zeigefinger. Heißt das noch mehr Moralkeule? Nicht wirklich – denn das Motiv ist gut gestaltet und ausdefiniert. Man kann Parolen gegen Diesen und Jenen schreien, oder aber sein eigenes Leben und/oder Situationen abbilden und so von einer Position des „Selbst“ erzählen, die Folgeschlüsse mit sich bringt und somit viel Ungesagtes doch irgendwie klarmacht. Die zweite Möglichkeit setzt sich bei Sayes primär durch.

Und genau das macht auch viele seiner Tracks interessant. Situationen und Erlebnisse werden ausgearbeitet und vielschichtig präsentiert. Dadurch wird der Punkt „Komplexität“ einer Situation sowohl persönlich nähergebracht und aufgezeigt, als auch thematisch vertieft. So entsteht ein schlüssiger Punkt: Politik ist immer. Es zeigt sich aber auch, dass das Gesamte nur mit anderen Menschen zu bewältigen, zu ertragen und zu ändern ist.

Videoausschnitt aus dem Video „Lächeln“ (Foto: Lars Kaiser)

Der Output von Sayes ist besonders im Hinblick auf die letzten Monate beachtlich. Erschien 2019 noch sein Album „Tausendsassa“, so begann mit dem Jahreswechsel zu 2021 eine Anreihung von Videoreleases. Ein „Neues Jahr“ brachte somit den Startschuss, um mit „Schrägen Vögeln“ hinter „Gardinensilhouetten“ das „Handwerk“ „Lächeln(d)“ zu zelebrieren und herauszufinden: „Menschen sind ihhh“.

Am 06.07. 2021 erschien nun „Leerzeichen“, ein Track aus der Ära von „Tausendsassa“. Viel Zeit und Mühe flossen hier hinein. Konzept, Planung, Szenen, Darsteller – mit starker Teamleistung realisierten Sayes, Lars Kaiser (lachslove, videolachs) und BRKN1 eine Geschichte über die freien Räume und die leeren Räume.
Zu sehen ist das Ganze hier .

Bleibt abschließend zu sagen: Tracks, Features, Live-Gigs, soziale Arbeit, politisches Engagement – der Begriff „Tausendsassa“ trifft wohl selten so zu, wie bei Sayes. Vielleicht ist das auch Charme und Zielgruppe zugleich: Alltagsstruggle, Konflikte im Selbst, atemlos sein und sich doch schwer eine Pause verzeihen. Wer diesen Vibe kennt, wird sich aufgefangen fühlen. Großes Manko: keine Tracks mit Namen trendiger Alkohol- oder Medikamentenarten auf Standartbeats.

Aber im Ernst: leichte Kost bietet sich hier nicht immer. Sicherlich lassen sich Tracks auch einfach mal für den Beat feiern – doch um den Wert von Sayes‘ Musik zu finden, wird man nicht um die Anstrengung herumkommen, sich mit seinen eigenen Gedanken zu konfrontieren und sich vielleicht sogar dabei ertappen, das eigene Verhalten zu überdenken. Hat man auf sowas keinen Bock, wird es auch schwer zu erzwingen sein. Ist man aber interessiert und entschlossen genug, kann man hier das Gefühl wiederfinden, dass man noch aus dem eigenen Kinder-/Jugendzimmer kennt – das Gefühl, dass das Lied da wirklich mit mir spricht.

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