Portrait Filo&Eisman – 2020: Release am 20.07.2020

Ich sitze auf dem Bordstein – irgendwie nett hier – und warte auf zwei Personen. Sie sind Künstler und sicher deshalb zu spät, denke ich mir. Also nehme ich einen Schluck, checke Block und Stift und genieße kurz die Ruhe. Schon kurz darauf kommt ein Lastenrad entgegen: „Sorry, der Druck hat einfach noch gedauert!“. In Wirklichkeit gibt es aber nichts zu entschuldigen – sie sind relativ pünktlich und schon allein die Art und die Gesichter lassen ohnehin Gram keine Chance.

Also schnell das Lastenrad ausgepackt, Broccoli und Pilze werden hastig für eine Kochsession zusammengesucht – in diesem Move fallen ebenfalls die Erdbeeren quer über den Boden- und es passt irgendwie zu den Beiden: Filo&Eisman – Teil des „Höhlenkollektivs“ (u.a. Plaeikke, Sayes, Die Versager) und das freundlichste und wohligste Chaos, welches einem Menschen entgegen kommen kann. 

Doch bei all der Sympathie, die diese Beiden erwecken – der Grund für den Besuch ist es nicht. Ich möchte reden. Worüber? Über Originalität, über Sinnhaftigkeit, über DIY-Mentalität und im Kern über den Release ihres Albums „2020“. Und über diese Scheibe gibt es viel zu erzählen.

Nicht nur, dass dies wohl die aufwendigste und rundeste Arbeit ist, welche Filo&Eisman bisher abgeliefert haben – es geht um die Art. Ein komplexes Stück Musik, voll von Blickwinkeln. Verzweigt genug, dass man den Stempel „Seltenheitswert“ nicht nur auspacken sollte, sondern mit aller Wucht dreimal mehr als nötig auf den Tisch knallen sollte (nur um auf Nummer sicher zu gehen, dass das auch ankam).

Schon ein paar Tage vorher konnte ich die Mixdowns hören und beobachtete etwas Merkwürdiges: Nachdem ich die Tracks durch hatte, fiel mir auf „oh, verstehe … das ist ja ein Album“. Also so ein Albumalbum. Ihr wisst schon – das Zeug, was im Ganzen Sinn macht und nicht einfach für Spotify optimiert ist. Und nicht nur das. Es ist ein gutes Album. Hinterfragend, ermahnend und doch immer mit der Realitätsbrücke, dass man selbst auch nur ein Mensch mit 1000 Fehlern ist – dies aber längst nicht ausschließt, dass man trotzdem sein Bestes versuchen kann, anstatt nur zu entschuldigen.

Doch was drängt sich da auf? Image? „Wooooah“-Momente nach dick degradierenden Punchlines? Nein, es ist der Sound und die Symbiose mit den Wesen Filo&Eisman. Die Beats reichen von eher elektronischen Eskapaden bis hin zu klassischem Sound, der fast schon BoomBap wirkt – mit viel Tiefe. Es ist ehrlicher Rap – es ist ehrlicher Klang. Die Beiden versteifen sich nicht auf Schemata und bleiben doch klar als Hip Hop-Act erkennbar. Ich würde hier an dieser Stelle gern eine Riesenliste mit all den Features schreiben, doch das ist fehl am Platz. Warum? Nun, es gibt sie nicht wirklich. Keine geshoppten Beats, kein Idiot der mehr Hörer (aber keine Message) hat – die Jungs haben hier echt gearbeitet. Außer der Unterstützung für Vocal Parts von Nola Fuchs im Track „Apokalypse“ und Samples von Evîn bei „Es Wird Heiß“, hört man fast ausschließlich die beiden Wahlleipziger (ob nun auf Beat oder Raps). Cuts kamen von Buddy und DJ „BRKN1“, der sie auch schon bei ihren Gigs auf Tour unterstützt hat (übrigens ein Tier im Jahr 2019 – mein Gott, was hat der Bengel alles gerissen). Und der Sound? Ist dicker. Bessere Samples, bessere Synths und den Feinschliff im Mastering bei einem Bassfetischisten gesucht: Paul Heine aka tbats. Er steckt nämlich hinter den Details – und wer ihn kennt, weiß: diese Details hat er so versteckt, dass es pur bleibt und doch so elendig tricky ist, wenn man auf Breite und Psychoakustik achtet. Also: bestens ausgerüstet!

Aber das macht nicht das Album aus – so sehr ich DJ und Mastering auch loben mag. Das Album bewirkt eher, dass es den Hörer prüft. Checkst du deine Umwelt? Checkst du die Zeit in der wir leben? Checkst du deine Bedeutung und dein Nichts? Und die wichtigste Frage: „Was hat der Dude gesagt – da fällt n Ding auf uns rauf?“

Letzteres ist natürlich ein Zitat. Der Track dazu heißt „Endlich“ und zeigt ein entspanntes Armageddon-Szenario. Eisman beschreibt fast schon erleichtert eine Bedrohung aus dem All, wie sie nur „Little Foot“ und „Earl Sinclair“ kannten. Klingt eigentlich ganz witzig? Nun – das ist es … und irgendwie auch nicht. Und das ist vielleicht die größte Stärke des Albums: das ständige Gefühl von „Aaaaah…i see what you did there!“.

Was erwartet denn nun Hörer und Hörerinnen und everything in between mit „2020“? Nun, es ist ein großer Sprung zwischen Welten, die dann doch nicht mehr so fern scheinen, wie man erst meinte. Dieses Thema und dann dieses? Und jetzt schon wieder etwas Anderes? Was wie viele einzelne Blöcke scheint, ergibt ganz schnell ein großes Ganzes und beendet das gewohnte Feeling von „2 Tracks waren cool – aber Album würde ich mir nicht holen“, wie es heute doch leider verhältnismäßig oft der Fall bei so vielen Releases ist. Man sollte eben diese Kraft nicht unterschätzen, denn gerade in der Struktur „Album“ macht der Release unglaublich viel Sinn.

Es hagelt Kritik auf „2020“. Kritik am Menschsein, am Konsum, am Bauwahn (von dem man in Leipzig mehr als genug vorfinden kann) und am Verhalten an Landesgrenzen. Auch Gevatter Rap bekommt für so manchen plumpen Zögling sein Fett weg – und das völlig zurecht. Doch haben wir nicht genug von diesen „Weltverbesserern“, die uns immer den Spaß verderben und uns den Reserve-SUV wegnehmen wollen (ich hoffe, die Ironie ist klar)? Nein, haben wir nicht – und erst recht nicht in diesem Fall. Denn Wenigen gelingt es, angebrachte Kritik zu praktizieren, ohne mit dem erhobenen Zeigefinger zu wedeln und sich selbst als Übermensch zu betrachten.

Foto: lachs.love

Wir alle haben unsere Schwächen, knicken vielleicht mal ein oder gönnen uns auch einfach mal etwas. Wo ist die Grenze zwischen „Leben und Erleben“ und „Ausbeutung“? Für Filo ist die Sache relativ klar: „Es geht nicht darum, die Sneaker zu verurteilen, die sich jemand gönnt. Wenn aber Klamotten um die ganze Welt geflogen werden, um dann nie getragen zu werden (weil sie ja so kostbar und limitiert sind), dann haben wir einen kritischen Zustand erreicht.“ Eisman entgegnete in dem Gespräch sofort, dass wir „vielleicht auch neue Chancen hätten, wenn man sich limitiert. Stell dir vor, wir dürften nur eine bestimmte Anzahl an Klamotten haben…wären wir dann ärmer? Oder würden wir nicht einfach versuchen, uns coole Risse und Schnitte in die Hose zu machen…“ um uns so Ausdruck und Individualität zu verleihen, statt des dicken Logos auf der Brust! Grund für diese Aussage sind Tracks wie „Beifall“ oder „AltR“, welche die „Wie-viel-ist-dein-Outfit-wert“-Mentalität hinterfragen.

Dass es andere Wege gibt, sich in dieser Welt mit Produktion und Vertrieb auseinander zu setzen, zeigen die Beiden selbst. So wurde die Community involviert, um die Entstehung und Herstellung des Albums über ein Crowd-Funding zu organisieren. Supporter konnten somit finanzieren und gleichsam vorbestellen – zwei Fliegen mit einer Klappe. So konnte die künstlerische Arbeit DIY ohne Kompromisse bleiben. Außerdem wurde so die Möglichkeit geschaffen, das Album (neben der digitalen Version) sogar auf Vinyl erscheinen zu lassen.

Track für Track ist das Album schlüssig und macht Sinn – und hat so gar nichts mehr von einem Mixtape. Das Ganze ist viel zu rund und massiv. Alles was mir nach dem erstmaligen Hören einfiel war, das Album sofort ein zweites Mal zu hören. Ich habe es vermisst – dieses kleine Stückchen EXTRA. Und wenn ihr in den Genuss kommt, „2020“ zu hören, werdet ihr verstehen was ich damit meine. Irgendwo zwischen Hypnose und völligem Durchblick… Irgendwo jenseits von Playlist und Kult-/Memesong … da liegt ein richtig echtes Album – der Unterschied zwischen Gemälde und Poster.

Wenn man nicht schon Teil des Crownfunding-Projektes war, sollte man den offiziellen Releasetermin am 20.07.2020 im Auge behalten. Wer eine Prise „mehr Sinn“ sucht und vertragen kann, sollte dann zugreifen – diese Scheibe ist wärmstens zu empfehlen.


Links

Musik
Videos
Facebook

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.