Review: Dude & Phaeb – Gravitation

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Wo liegt die gesunde Grenze zwischen Realismus und dem nachvollziehbaren Bedürfnis sich vollständig seinen Passionen hinzugeben. Zu prätentiös als Einleitungsatz? Sorry, aber alles andere als prätentiös klingt die Antwort auf diese und weitere Fragen in Form des dritten und 10 Track starken dude&phaeb Albums. Es beginnt mit seinem Titeltrack „Gravitation“, auf dem die Immunität sich gegen vorgezeichnete Strukturen zu widersetzen in den Kontext eines behutsamen Umgangs mit sich selbst gesetzt wird.

„Nur weil wir schweben, heißt es nicht, dass wir uns die Flügel verbrennen“

Diese Zeile von dude aus Part Nr. 2 des erwähnten Tracks bringt es ganz gut zum Ausdruck. Man beachte stets den Abstand zur Sonne. Diesen korrekt abzuschätzen, mussten auch die beiden Brüder im Geiste erst lernen. So kramen sie auf dem Album nicht eine Weisheit nach der nächsten hervor, sondern berichten eben auch über den Entstehungsprozess ihrer Credos, durch die Interpretation ihrer Fehlbarkeiten. Das klingt erstmal pauschal nach einem üblich verdächtigen dude&phaeb Album. Dennoch finde ich es immer spannend, wenn Künstler anverwandte Themen ihrer früheren Abhandlungen anpacken oder gewohnte Inhalte linear zu neuen Lebenserfahrungen weiter entwickeln. In eine ähnliche Richtung geht es auch im Track „Teil Von Mir“:

„Was ich damals genau wollt, weiß ich erst jetzt.“

So handeln wir aus der Betrachtung des gewachsenen Ichs auf unsere jüngere Version stets unbewusster oder interpretieren unser Handeln gegenüber frischer Erfahrungswerte einfach neu. Ich will das Album hier inhaltlich nicht Tod interpretieren. Aber auch wenn man nicht mit allen Resümees übereinstimmt, dienen diese mindestens als inspirierende Anstöße für die eigene Philosophie.

„Dude&Phaeb seit zwanzignullvier, vielleicht ist unsere Message noch nicht gelandet bei Dir“ (phaeb)

 

Einige Leute meiner Umgebung finden dude&phaeb recht langweilig und würden wahrscheinlich kaum sensibilisieren können, wie technisch „On Point“ die beiden auf dem Album klingen. Handwerklich sind auch die beiden Vorgängeralben, „Monokultur“ und „Gegengewicht“, sportlich auf hohem Niveau, aber der Erfahrung geschuldet klingt auf Gravitation alles etwas trainierter und in der Silbensetzung gekonnt verspielter. Wenn Mr. phaeb wie weiter oben erwähnt tönt, dass die Message beim Zuhörer noch nicht gelandet ist, bringt ihn das wahrscheinlich von meinem beschriebenem Umfeld noch etwas weiter weg. Um sowohl aber auch dem Künstler als auch den Nicht-dude&phaeb-Fans etwas Hoffnung zu geben, die Message kann auch innerhalb eines anderen Soundgewands oder einer anderen Vortragsweise landen. Dafür braucht es nicht ausschließlich die Zuführung über eine speziell zarte Soundästhetik, die hierzulande mit großer Wahrscheinlichkeit immer in einem überschaubaren Liebhaberkreis beheimatet sein wird.

Es braucht das Talent zur Ruhe, um die kraftvollen Passagen des Albums fühlen zu können. Ich bin sauer auf mich, wenn ich mir die Möglichkeit verweigere, bestimmten Dingen ihren Zauber zu gewähren. Da ich von meinem Anspruch in viele Richtungen offen zu sein schon häufig belohnt wurde, versuche ich für die Wahrnehmung von Kunst die adäquate Atmosphäre zu schaffen. Die letzten dude26-Alben haben sich im Dunklen, bei offenem Fenster mit Blick auf mein Viertel und der Mystik der Nacht am Besten entfaltet. Bei Gravitation liefern dude himself und IAM PAUL mit beruhigenden und warmen Instrumentals erneut den perfekten Soundtrack für eben dargelegte Hörgewohnheit. Den Beat zum Track „Fünf Hunde“ finde ich erfrischend ausbrechend aus dem sonst recht homogenen Klang des Albums, genau wie den dezenten Einsatz einer synthetischeren Spur beim letzten Track „Silbertablett“.

Bei der Rezension habe ich den Umstand der schlimmen ALS-Erkrankung mit der dude zu kämpfen hat außen vor gelassen, da ich nicht wollte, dass die damit verbundene Tragik zum Zwecke der Review instrumentalisiert wirkt. Das hier eingebundene Statement vom Künstler selbst stellt die Dankbarkeit in den Vordergrund, dass das Werk realisiert werden konnte und es in dieser Form auch die letzte Arbeit war. Dieser Faktor lässt sich schwer ausblenden. Wie bei den letzten beiden dude26-Soloalben intensiviert er die Melancholie des Hörerlebnisses. Es ist eine behagliche Melancholie voller Lebensbejahender Botschaften, die „Gravitation“ zu einem ganz besonderen Stück Momentaufnahme machen.

Wie aus dem Hause Daily Concept gewohnt, bekommt ihr die Musik digital zum Download oder im Stream und auf schwarzem Gold regulär und als Instrumentals angeboten.

Links: Dude&Phaeb // Daily Concept // Dude 26

Gravitation: auf Vinyl // Download auf Bandcamp // auf Spotify im Stream

Instrumentals: auf Vinyl // Download auf Bandcamp // auf Spotify im Stream

 

 

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