Interview mit Johnny Katharsis und Pawcut

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Johnny Katharsis ist mit durchschnittlich zwei Releases pro Jahr eine gefühlte Maschine. Für den 06.10.2017 kündigt sich das Album „Elefanten“ mit seiner Band, Leipziger Schule, an. Wie bei den Liveauftritten der Gruppe werden auf der Platte scheinbar die unterschiedlichsten Songs aus den zahlreichen Katharsis-Alben der letzten Jahre, organisch vertont, zu hören sein. Der gegenwärtige Wahl-Wiener arbeitet meistens für jedes seiner Projekte ausschließlich mit einem Produzenten zusammen. Bei dem jüngst erschienenem Werk, „Böse Zwillinge“ geschah dies zum wiederholten Male mit seinem Sparringpartner, dem Mindener Produzenten Pawcut. Beide Künstler saßen bei uns schon im Einzelverhör. Wir freuen uns Ihnen gemeinsam zu ihrer Arbeitsweise und ihrem aktuellen Tape ein paar Fragen gestellt haben zu dürfen.

Ihr Zwei begeht mit „Böse Zwillinge“ inzwischen euer viertes gemeinsames Projekt, richtig? Das Album wirkt in seiner Ästhetik, dem Soundbild und inhaltlich perfekt aufeinander abgestimmt. Erzählt uns bitte ein Wenig zur Entstehungsphase.

Pawcut: Das ist richtig. Der Funke ist aus einem Remix-Beat von Kosmonautensommer entstanden. Das Instrumental von „Spinne“ war ursprünglich von mir für den Remix von „Raus Heut Nacht“ verwendet worden. Johnny hat das aber gehijackt. Danach lief es eigentlich wie immer bei uns in so einer Art atemlosen Rush über 6-8 Wochen, in denen ich Johnny Beats geschickt habe und Er mir Vocals. Und fertig war das Ding. Wenn es trotzdem ausgeklügelt klingt, sei es, wir sind inzwischen wohl auch ganz gut eingespielt.

Katharsis: Naja, ganz so einfach war es nicht. Das ist schon alles kein Zufall. Es gab da schon einige Tracks, die habe ich in Leipzig aufgenommen und im Bus nach Wien habe ich immer viel Zeit zum Hören, da haben wir dann schon bei einigen Sachen entschieden, dass wir den Text nochmal auf nen anderen Beat aufnehmen, damit das besser ins Gesamtbild passt. Ich glaube auf unseren Alben, ist am Ende sehr wenig Zufall, auch wenn es uns so vorkommt. Das hat vor allem, denke ich, mit der Einfachheit der Arbeit zu tun, ich kann Pawcut zu jeder Zeit Recordings schicken, und habe immer in sehr kurzer Zeit ein Feedback und/oder ne Weiterbearbeitung des Songs. Er is halt genau so irre wie ich, was Workflow betrifft. Ich habe ihm schon mal ne File geschickt bevor ich in einen Flieger gestiegen bin, als ich landete hatte ich nen Mix, das ist kein Fucking Witz.

Das Cover zum Tape stammt von Hr. Pixel. Was hat es mit dieser Synergie auf sich?

Pawcut: Ich bin seit 20 Jahren mit Pixel befreundet. Der hält sich im Grunde seit er 14 -15 ist ständig hier bei mir im Studio auf. Da waren früher noch andere Leute mit dabei, mehrheitlich Leute, die hier in Minden malen gehen. Die Freundschaft bestand also schon zu Zeiten, als ich noch keine Beats gebaut habe. Er war dabei als der Name „Pawcut“ 2004 für eine Party – noch mit mir als DJ – erfunden wurde und hat damals schon das Design für den Flyer gerockt. 2016 haben wir zusammen das Kollektiv WTM gegründet, um so aufwändige Projekte wie „Böse Zwillinge“ oder auch das Exodus Album realisieren zu können. Das geht nämlich nur auf eigene Kappe und in Eigenregie.

Katharsis: WTM, yes. Gute Sache. Gut, endlich ein kleines Label in geistiger Nähe zu haben, das von Kumpels betrieben wird, deren Kunst ich zudem feiere. Labels sind in der Regel nämlich Hurensöhne, die deine Alben nur rausbringen, wenn du bei diesem Huren-Youtube schön viel Klicks hast, oder gerade was voll Krasses auf Trap, oder Boom Bap, oder Elektro (kommt halt auf den jeweiligen Sommer an) machst. Was Eigenes aufzubauen, nen eigenen Film und Sound zu fahren, das interessiert diese Agenturmittdreißiger nicht. Die wollen sich nur Sneakers kaufen von dem Geld, was du erwirtschaftest. Bei WTM haben alle schon genug Schuhe und das Geld fließt in die nächsten Releases. Ich glaube mein nächstes Release über WTM wird ein wirklich geiles Tape mit Zenit, den ihr vielleicht noch aus dem Team Avantgarde-Umfeld kennt oder den grandiosen Zenit-Remixes, auf denen ich damals das erste Mal einen Kollegah Part gehört habe, haha. Zenit, alter. Das wird nice. Pawcut ist da gerade am mastern und steuert ein paar feine Interludes bei.

Was gefällt Euch an dem jeweils anderen so gut, bzw. wo liegt eure Schnittmenge, dass ihr Euch immer wieder zusammen findet?

Pawcut: Die Liste ist lang. Inhaltlich hat mich Katharsis-Kram von Anfang an getriggert wie kaum was Anderes hier im Land. Dass wir beide eine Affinität zu Punk und Hardcoremucke haben, spielt dabei bestimmt eine Rolle. Schnittmengen sind bestimmt auch die Sisyphus- und Stehaufmännchenmentalität, Misstrauen gegenüber industriellen Strukturen und Geschlechtskaspern und ein innerer Antrieb der einen das alles jeden Tag mit 100% Drive und Leidenschaft machen lässt, der nicht wirklich abhängt von Akzeptanz oder Klickzahlen .

Katharsis: Voll die Parship-Frage. Pawcut macht halt Beats und ich rappe. Und er ist kein Arsch. Einen Kein-Arsch zu finden ist ja eher unleicht. Da er ein sehr cooler Atze ist, machen wir halt Musik.

Wie viel Interaktion geschieht in eurem Produktionsprozess? Will Johnny z.B. mal nur eine Snare ausgetauscht haben oder hat Pawcut die ein oder andere Anmerkung oder Fragen zu bestimmten Zeilen?

Pawcut: Ich denke, wir haben eine recht gute Arbeitsteilung und ein gesundes Vertrauen, dass der jeweils andere in seinem Ressort weiß, was er tut. Feedback oder Änderungswünsche meinerseits beziehen sich wenn dann im Endstadium nie auf inhaltliche Änderungen, sondern höchstens mal auf einen Re-Recordingwunsch von einer Line, weil ich Ostwestfale irgendwas nicht verstehe auf Anhieb. Wünsche nach Drumreplacement würde ich mit stummer Verachtung und blockieren auf allen sozialen Netzwerken strafen, haha. Am Ende sollten alle Beteiligten kuul sein mit dem Endergebnis, ohne das Gefühl zu haben Kompromisse eingegangen zu sein. Das funzt in meiner Welt.

Katharsis: Ich möchte eigentlich nie eine Snare ausgetauscht haben, oh Gott nein, das ist noch nie passiert, aber eh Pawcut, vielleicht tauschen wir bei dem Projekt, was wir gerade bearbeiten mal alle Snares aus, also die taugen mir vom Sound nicht mehr so, hahaha. Ja neee, ganz normal, wenn ich irgendwas unrund finde, sag ich das auch, und genauso sagt das Paw, wenn hier und da mal ne Zeile ausgetauscht werden muss, kein Ding. Läuft.

Auf dem Tape gibt es sehr viele Interludes. Nach welchem Kriterium habt ihr entschieden, welche Beats nicht berappt werden? Ich finde zum Bespiel das „Blood Interlude“ sehr genial und hätte mir darauf auch sehr gut einen Track vorstellen können.

Pawcut: Mein Workflow ist relativ manisch und überbordend. Die Interludes haue ich einfach nach Gefühl aus meinem Beatozean dazwischen. Unsere Musik ist jetzt ja auch nicht das, was man anmacht, um bekifft in einen Wasserfall zu schauen oder Uniarbeit zu erledigen. Die Interludes dienen auch als Atempause, als „negative Space „. Die Auswahl entwickelt sich meist hier während des Masterprozesses. Katharsis hört die dann meist zum ersten Mal, auch wenn ich mich dafür entschieden hab und ihm eine Masterdemo zeige.

Katharsis: Klar kann man auf vielen Sachen auch rappen, aber mal runterkommen is halt auch wichtig. Auf manchen Alben haben wir da hin und wieder ruhigere Tracks im Stil von „Sanfter Terrorismus“ dazwischengesetzt. Das Album hier sollte aber stimmlich recht einheitlich werden, weswegen die Interludes einfach nötig sind, is ja kein Grindcore-Album. Und die Sache mit dem „Darauf könnte man auch rappen“… Klar, aber Pawcut haut so viele steile Beats raus, da muss ich gar nicht über jeden rappen, am nächsten Tag hat er eh wieder nen Hit gebaut. Ich habe da nie Beatpanik, weil halt jederzeit so viel gutes Material da ist. Zudem ist Paw auch im rein instrumentalen Bereich King. Hinweise auf seine wunderbare Solo-Diskographie erspare ich mir an dieser Stelle. Nicht. Alben wie „Nightmare City“, „Maverick“ oder die Kollabo mit Flowfilz „Duplex“ sollte man hören. Oft.

Jeder Track des Tapes erzählt eine Geschichte. Zum Beispiel der Song „Agitator“ verpackt die wiederkehrende bzw. anhaltende Problematik des Rechtspopulismus. In „Autofan“ bekommt der Materialismus des mittelständischen Mannes seine Schelle. Die Anekdoten sind unterhaltsam erzählt und gehen gut unter die Haut. Welche Intention steht bei diesen Themen im Vordergrund, wollt ihr missionieren, schlicht zum Nachdenken anregen oder einfach nur Gefühle transportieren?

Pawcut: Das Allerletzte, was ich will, ist es irgendwem zu erzählen was er tun und lassen sollte um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wer bin ich, dass ich funktionierende Lösungen für andere Individuen hätte? Ausgenommen Sozio- und Psychopathen, haben wir doch alle einen kleinen Menschen im Kopf, der weiß, was falsch und was richtig ist und das auch zum Ausdruck bringt. Hört auf ihn, auch wenn es mal Verzicht bedeutet. Ich transportiere in meiner Musik meine Gefühle. Die sind von Haus aus aber auch so widersprüchlich, dass jede Missionierung zum Scheitern verurteilt wäre. Da steckt man als Lyricist denke ich schon in einem engeren Korsett.

Katharsis: Ich wollte mit Agitator einen besonderen Freund aus meiner Jugend grüßen (du kleiner Bastard). Davon abgesehen habe ich für die Album-Texte reale Menschen als Ausgangspunkt genutzt und einfach Böse Zwillinge von ihnen entworfen. Man könnte von einem Konzeptalbum sprechen. Zum Thema Missionieren, mmh, eine Freundin meinte neulich, dass jeder meiner Songs so politisch wäre, aber immer so unterschwellig. OK, erwischt. Aber ich will nicht missionieren, ich sage nicht, tut dies, tut das, das können andere Rapper besser, wenn sie in Podiumsdiskussionen sitzen und vom Klassenbewusstsein reden. Naja, naja. Ich ziehe die Kunst der Politik vor. Und ma echt… Rapper, die mit ihrer Walther das Abendland verteidigen wollen, oder welche, die unbedingt mit Andreas Gabalier performen müssen, die muss ich nicht verstehn. Auch nicht künstlerisch. Wenn ich künstlerische Aussagen treffe und weiß, das erreicht eine bestimmte Menge an Menschen, muss ich mir immer bewusst sein, welche Menschen ich damit anspreche und welche Dynamiken das entwickeln kann. Zurück zu den Zwillingen. Als kleine Textwerkstatt war die Arbeit am Album ein gutes Training, da ich parallel gerade an einer Art Romanfragment arbeite – und so Alben wie „Böse Zwillinge“ sind gut zum Warmschreiben.

Links: Katharsis / Pawcut / Release bei Bandcamp / Release bei Spotify / Elefanten vorbestellen

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