They call it Skweee!

Einer der kleinen Freuden des Musik-Nerd-Checkertums ist bekanntlich, über neue Spielarten der Club-Musik schneller informiert zu sein als so mancher Kumpel und dann, kurz nach Etablierung des geschätzten Mico-Genres, wenn es auch in den heimischen Clubs angekommen ist, gelangweilt abzuwinken: „ach naja, am Anfang war’s ja ganz cool, aber jetzt …“. Nur dumm, wenn der Durchbruch dann doch auf sich warten lässt, so wie es bei Skweee der Fall ist. Dann wird man auch zehn Jahre nach den ersten Tracks nach der Bedeutung gefragt. Um zu beleuchten, worum es sich bei diesem Genre nun schon wieder handelt, möchte ich eine kleine Einführung geben.

Skweee hat mittlerweile schon einige Jahre auf dem Buckel, die Namensgebung wird auf etwa 2003/2004 datiert. Grund war das erste Release auf dem schwedischen Label Flogsta Danshall, das zwei Tracks des Label-Gründers Pavan aka Limonious beinhaltet. Pavan selbst nannte seinen etwas quirligen Sound Prim – weil er seine Tracks als roh und primitiv auffasste. Sein Kumpel Daniel Savio, der Musik für das dritte Release des Labels beisteuerte, schlug hingegen squee vor, da er seine Tracks komplett aus seinem neuen Roland Alpha Juno1 herausquetschen wollte (= engl. squeeze out). Bestärkt wurde er von Randy Barracuda, der zusammen mit Mesak in Finnland das Label Harmönia gründete und damit seit 2006 kontinuierlich den Sound nicht nur durch eigene Produktionen fördert. In den darauffolgenden Jahren gab es hin und wieder einige Features bei den einschlägigen Medien, ohne dass es (zum Glück?!) zu einem „richtigen“ Hype kam.


Grund für die Aufmerksamkeit dürfte nicht zuletzt die charmante Dokumentation We Call It Skweee sein, die einige Szene-Größen zum Skweee-Showcase auf dem Sonar-Festival in Barcelona begleitet – welche dort nicht nur das Publikum, sondern auch die Putzfrauen des Festivals zum Tanzen bringen.

Seitdem verbreitete sich der Sound nicht nur innerhalb Europas: Labels wie Dødpop (Norwegen), Mazout (Frankreich), Ancient Robot (Kanada), Losonofono (USA), Lo Fi Funk (Spanien), Bonus 7 (England) oder auch Myor (Niederlande) versorgen den geneigten Hörer mit frischen Sounds. Auch Labels wie Planet Mu (mit Eero Johannes), Ramp Recordings (mit der Skweee Tooth-Compilation) und Laton haben einige Skweee-Artists im Programm. Als Standard-Format hat sich – in altbewährter Reggae- und Dub-Tradition – die 7″-Single durchgesetzt, gefolgt von einer ganzen Reihe abwechslungsreicher Compilations und Artist-Alben. Inzwischen gibt es vor allem auf Bandcamp mehr und mehr digitale Releases wie z.B. von Tiburoni Records (Frankreich) oder auch der russischen Skweee-Community Skweeeterburg. Aktuell liegt Skweee mit 281 gelisteten Veröffentlichungen bei Discogs genau zwischen Reggae-Gospel und Twelve-tone. Spannend zu sehen, welche Styles noch so überrundet werden …

Wie klingt das ganze aber nun eigentlich? Der Electro-Funk und Oldschool-HipHop der Achtziger a la George Clinton bildet offensichtlich den Nährboden für die meist instrumentalen Beats – kein Wunder, nutzen die meisten Musiker vor allem Hardware wie Synthesizer, Drum-Machines, Effektgeräte und gern auch Spielzeug zur Erzeugung ihrer quietschigen Beats.
Dabei bleiben die Tracks recht simpel, sind in der Regel sehr melodiös und lassen den einzelnen Sounds ihren Platz. Digitaler Dub, aber auch Computer-Spiele-Soundtracks wie Monkey Island und Donkey Kong erweisen sich hier ebenfalls als Referenz – nicht zuletzt, wenn wie bei SkweeeRRL 8-Bit-Sounds als weitere Soundquelle hinzukommen und damit auch Fans von Jahtari und Chiptune ansprechen dürften.
Einen guten Einblick zum aktuellen Stand des Genres bietet die jüngst erschienene Compilation Museum Of Future Sound IV.

Wer viel Zeit hat und sich durch einige DJ-Mixe wühlt, wird feststellen, dass mit der steigenden Anzahl an Artists natürlich auch die Einflüsse wachsen. Aufgrund der sehr unterschiedlichen BPM-Zahlen lassen sich die Tracks gut mit anderen Styles kombinieren und fordern Genre-Kombinationen geradezu heraus.
Das Label Ancient Robots zeigt daher mit zwei Compilations folgerichtig, was passiert, wenn Skweee-Artists sich daran machen, Dancehall- oder Juke-/Footwork-Tracks zu basteln. Duke Slammer bringt die 303 und damit Acid sowie den ein oder anderen House-Groove ins Spiel. Coco Bryce scheut sich wiederum auch nicht vor digitaleren, ravigeren Momenten wie man sie von Labels wie Error Broadcast kennt.

Dass es nicht bei instrumentalen Tracks bleiben muss, kann man sehr gut bei Randy Barracuda und seinem Vocoder-Funk hören:

 

Motëm hingegen rappt gleich ganze Mixtapes auf Skweee-Beats und covert auch mal Seal:

 

Ya Tosiba und Easy & Center of the Universe erweitern das ganze um Folk-/World-Music-Einflüsse – letztere remixten z.B. auch die libanesische Sängerin Yasmine Hamdan.

 

Die Tracks von Yöt wiederum zeigen deutlich den Grenzgang zwischen Skweee, Dubstep und Hip Hop:

 

Wer nach soviel Gequietsche den ganzen Kram zur Entspannung mal unplugged hören will, dem sei das Video von Beem empfohlen, der seinen eigenen Track Mouth Everest selbst covert:

 

Und in Leipzig? Hier dürfte sich herumgesprochen haben, dass die Stadt mit Karl Marx Land Records nun ebenfalls fest im bunten Skweee-Kosmos verankert ist.

Damit wünsch ich viel Spaß beim Reinhören – have a nice Skweeevening!

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