Interview mit Om Unit (Cosmic Bridge/Exit Records/Metalheadz, UK)

Wäre es nicht bewiesen, dass der 10. IT’S YOURS Geburtstag ein Knaller war, dann würde ich mich jetzt – drei Monate später – verpflichtet fühlen, euch daran zu erinnern, dass wir eben dieses Ereignis im Dezember letzten Jahres in der Distillery gefeiert haben und Om Unit zu Gast war. Aber großspurig gesagt: Das wissen wir ja alle noch. Dagegen noch weitgehend unbekannt ist, dass ich mich am nächsten Morgen mit ihm beim Leeren eines halben Dutzends Bäckertüten über seine Musik unterhalten habe.

This is like a reconnection to my first roots.“

Bevor Jim Coles anfing Musik als Om Unit zu veröffentlichen, produzierte er unter dem Namen 2Tall und beschäftigte sich hauptsächlich mit Sampling und Hip Hop. Um 2009 herum dann der Kurswechsel, was war da los? Mit ungefähr 28 Jahren war er einfach aus 2Tall rausgewachsen, der Spitzname, den er aufgrund seiner Körpergröße bekam, schien ihm lächerlich und ein neuer Sound musste her, von dem er bereits eine klare Vision hatte, wie er erzählt: „It’s just a personal thing approaching 30 and being like ‚I wanna do something new.‘ I wanted to get more into electronic music. So yeah, it was just a change of direction. I like spacey electronic sounds and that’s kind of what I wanted to do – something expansive. I really connected with the Dubstep movement that was coming out from London. Something about that kind of expansiveness, the use of reverb, big space that was what I wanted to explore, but I didn’t want to make Dubstep because I felt like that’s been done.“
Einen Wendepunkt, der ihn zu Drum’n’Bass brachte, gab es für Om Unit nicht, stattdessen eher ein einschneidendes Erlebnis, dass Anlass war für eine musikalische Rückbesinnung. „I grew up with it. I used to make Jungle back in ’93/’94 when I was a kid. Just for fun, it was nothing serious. So if anything this is like a reconnection to my first roots. I’ve been into that for 20 years so it was like coming back around again. I was inspired by watching dBridge DJ. I saw him and I was like ‚Fuck, I have to know more.‘ He was massively influential for me.“

It’s not about the croissant, it’s the baking.“

Unter einem weiteren inzwischen abgelegtem Alter Ego – Phillip D. Kick – brachte Om Unit 2011 eine Reihe von Footwork Jungle Edits heraus. Mit dem Prinzip Jungle-Klassiker und Footwork-Beats, die ein Tempo um die 160 BPM gemeinsam haben, zu verbinden, begründete er maßgeblich einen neuen Sound innerhalb des Drum’n’Bass Genres. Doch nicht alle Junglists stehen auf Innovation: In den Foren gab es auch harsche Kritik, wie man sich bloß so an Klassikern „vergreifen“ könnte. In Anbetracht der Entwicklung von Drum’n’Bass blieb es mir immer unbegreiflich, wie man dieses Genre als unantastbares Konstrukt verstehen kann. In diesem Unverständnis waren wir uns sehr schnell einig, doch es gibt einen anderen ernster zu nehmenden Kritikpunkt: „It’s not important what people think about stuff. But I tell you what the problem is: I finished that about two years ago and since I’ve spoken to people about it and I’ve never thought about this but people said: ‚Look, you’re essentially making a project or building a career taking other’s people’s work.‘ And that was something I never really thought about because it wasn’t my intention. But now I understand it actually could be perceived that way. And it’s not really the best intention to take someone else’s work.“
Trotzdem findet er, ist die Idee hinter den Edits wichtiger als die Musik selbst. Auch wenn die Tracks nach ihm klingen, es geht ihm mehr um das Konzept Jungle und Footwork zu verbinden und um die Liebe zu dieser Musik. „I still love Footwork music and I love Jungle since I was a kid. And it’s more about that than the fact that it’s Adam F. I just love the music. But people get very attached to the purity. They get very pure about the whole thing but it’s not about the croissant, it’s the baking.“

„Everybody thinks Drum’n’Bass is this formula. But it really isn’t. There is so much going on on the fringe.“

2013 kam dann Om Units Debüt-Album Threads auf Civil Music raus. Ein Release, das für mich zu der Zeit genau der Sound war, den ich suchte. Breakbeats, Bass, abwechslungsreich und weitab von jeglichem Klischee. Irgendetwas eben, das zwar nach Drum’n’Bass klingt, aber noch mehr ist und zulässt. Als ich mit ihm darüber sprach, fiel seine Reaktion überraschend aus: „That’s funny, I don’t think it has Drum’n’Bass in it. It’s elements maybe, but that’s just semantics.“
Er behält viele Styles im Blick, setzt sie ein, ohne sich zwangsläufig auf einen festzulegen, erzählt Om Unit. So klingen sie alle durch – nur eben gedämpfter. Aber Innovationen gibt es schon immer, das Schema F, über das sich alle beschweren, ist nur die eine Seite, sonst gäbe es nicht seit 20 Jahren dieses breite Spektrum an Sounds und Subgenres, sagt er. „There’s a lot out there. Obviously not everybody knows about it and it’s about to bring that into people’s view. That’s what I’m trying to do with the DJ sets. I’ll play stuff I’m known for. Could be 170 BPM, could be 85 and everything in between. So I’ll play stuff from Cosmic Bridge, then I’ll play stuff from Metalheadz, then I’ll play Exit stuff and then I’ll play some demo that some kid in America gave me.“
Problematisch findet er, dass viele Leute immer noch Schlagwörter und Schubladen für Produzenten und DJs brauchen, nach denen sie und ihre Musik sortiert werden können. Dabei hätte das mit David Bowie und seiner vielseitigen musikalischen Karriere doch auch niemand gemacht. „It’s funny, people like to have these safety boxes, but that’s what I’m disrupting. When you listen to a mix that I do you can hear all those different things. There’s a thread through all of it and it’s just my opinion but I don’t think genres are important. I think like a painter and you’ve got a pallet of colours, each colour is a different genre. That’s the way. But when we loose that, it becomes a mess. So I don’t know how far we can take that, but I think it’s important to question it. It should be constantly challenged. For me it’s electronic music really. Essentially it’s mechanical dance music.“

„I kinda get a kick out of finding someone that no one’s heard of.“

Neben seiner Tätigkeit als Produzent und DJ hat Om Unit 2011 auch sein eigenes Label Cosmic Bridge gegründet und ich wollte wissen, nach welchen Kriterien er Musik auswählt, die dort veröffentlicht wird. Natürlich gibt es eindeutige Parallelen zwischen seiner Musikauswahl hinter den Turntables und als Labelchef, da überrascht es wenig, dass sich hinter Cosmic Bridge kein striktes Programm verbirgt: „The vision going forward is supporting new artists, I think that is the most important thing. I kinda get a kick out of finding someone that no one’s heard of and then being able to push it. Because it’s a bit like a demonstration of what a lot of other people are afraid to do. I think a lot of labels get sent a lot of demos and they probably even like some of it but they’re like ‚Oh, I don’t know how to market it.'“
Das kann sich ändern, aber im Moment irgendwo zwischen 80 und 170 BPM – das ist der Rahmen, auf den er sich zur Zeit konzentriert, was vor allem auf seine eigenen Footwork Jungle Tracks zurückzuführen ist, erzählt er. Nachdem seine Edits raus kamen, begann eine Art Kreislauf und nun schicken ihm die Leute ihre Sachen zu. Was ihm davon gefällt, das releast er. Aber es ist für ihn auch eine Form von Feedback. Was die näheren Zukunftspläne angeht, kann er noch nicht zu viel verraten: „I can’t mention any names because we haven’t got the stuff together. But there’s potentially three or four new artists next year.“
Das letzte Release auf Cosmic Bridge wollte für mich allerdings so gar nicht mit der Newcomer-Policy zusammenpassen, schließlich ist Boxcutter schon eine Weile dabei und hat unter anderem auf Planet Mu sehr viel, sehr gute Musik veröffentlicht. Om Unit bringt es auf den Punkt: „Yeah, Boxcutter is a legend. But I feel almost like no one knows about him. He’s done four albums on Planet Mu, he was right there from day dot for Dubstep. And obviously he was being an innovator.“
Und so passt Boxcutter also irgendwie doch ins Beuteschema. Noch passender war jedoch die Musik, die dem auf seinem letzten Album als The Host sehr ähnelt. Er fand es perfekt, sagt Om Unit. Besonders nachdem er eine Menge harter Footwork Tracks zu hören bekam. „I’ve heard a lot of banging shit and I’m like ‚Ugh, something else.‘ But this works because it’s kind of footworky but it’s also very melodic. Which is an important statement.“

„The whole year has been great. That’s boring. But it’s really hard choose.“

2013 war ein gutes Jahr für Om Unit. Das erste Album, drei Trips in die Staaten. Es war so gut, dass es ihm sichtlich schwer fiel, sich für ein besonderes Highlight zu entscheiden. Es hat aber nicht mal eine ernsthafte Suggestivfrage gebraucht, um herauszufinden, dass die Party in der Distillery auch für ihn etwas besonderes war: „We came back to the hotel last night and we were just over the moon. I was very happy to play in Germany. Because I played in Berlin a lot. But outside of Berlin has always been like pfff… And so coming here I didn’t really know what to expect. I knew nothing about Leipzig. But somebody was telling me that the club’s been going for like 20 plus years. So I was immediately like ‚Wow, that’s a real history.‘ And then seeing it’s a bit rougher end edgy – it seemed like a good place to play and then obviously the warm-up guy was perfect. Bad boy! He’s brilliant. It was just all the sound and the crowd was fantastic.“

Und 2014 scheint nicht schlechter zu werden. „More releases on Cosmic Bridge, definitely. It’s gonna be managed by somebody else so I can just be the A&R guy now. I’ve kinda built it to a level now and that’s fine. I need to concentrate on my stuff. I’m working on new material, with Sam Binga as well for Exit.“ Und auch mit SB81, der 2013 eine EP auf Metalheadz veröffentlichte, für die Om Unit ein wichtiger Einfluss war. Ihr ähnlicher Sound brachte die beiden zusammen. Einige Remixe, wie von Shadow Boxing auf 31 Recordings, Larchmont von Pawn und Calculon und der der für den deutschen Produzenten Strand sind auch bereits draußen. Als nächstes kommen ein Remix für Slick Shoota auf dem amerikanischen Label Apothecary Compositions, ein Track namens Timelines für die nächste Platinum Breaks Compilation auf Metalheadz als auch eine Extended EP für Metalheadz. Alles schon fertig. Wir dürfen also gespannt bleiben.

Danke für den Ein- und Ausblick.

Links:
Om Unit auf Facebook
Om Unit auf Soundcloud
Cosmic Bridge auf Bandcamp

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