Interview mit Booga über IT’S YOURS

Das Leipziger Stadtmagazin „Kreuzer“ brachte in der Januarausgabe 2004 ein Interview über „It’s Yours!“. Zum Nachlesen hier die offiziell autorisierte Fassung.

Kreuzer 01/2004. Autor: Augsburg

The Politics Of Dancing
„It’s Yours!“ ist die neue, offene Plattform der Leipziger Breakbeat-Szene

Mit „breaks.org“ gelang ein großer Wurf. Website und Veranstaltungsreihe galten sehr schnell als beste Empfehlung, wenn man wissen wollte, was in der Stadt los war. Jetzt ist „breaks.org“ Geschichte. Der Nachfolger „It’s Yours!“ steht aber schon in den Startlöchern. Ein Interview mit Breakbeat-Aktivist Booga.

Kreuzer: Was ist „It’s Yours!“? 
Booga: „It’s Yours!“ ist zunächst mal eine Website, die eine gewisse Phase eines Prozesses beschreibt. Eines Prozesses in Sachen Breakbeat-orientierte Musik in Leipzig. Die gibt es schon seit praktisch zehn Jahren hier, wir hatten Gäste aus aller Welt und irgendwann gab es Leute, die auch selber was gemacht haben. Um die entstandenen lokalen Projekte gegenüber den Gästen etwas mehr – sagen wir mal – zu pushen, wurde „breaks.org“ gegründet. Das ist jetzt Geschichte und „It’s Yours!“ ist die neue Plattform für das was bis dato nur bei Partys umgesetzt wurde: gleichberechtigt Leuten eine Plattform zu geben.
Es ist also ein Projekt von einigen Leuten, die damit eine Kommunikationsstruktur anbieten, die jeder übers Netz nutzen kann, die zeit- und ortsungebunden ist, ohne Hierarchien funktioniert. Jeder der Leute, die involviert sind, hat die selben Autorenrechte und kann sich jederzeit zu jedem beliebigen Thema äußern. Mit diesem System haben wir die Voraussetzung für ein – aus meiner Sicht – Online-Community-Building. Aber das ist kein Plan, das muss sich entwickeln. Erst mal ist es zum Beispiel eine Möglichkeit für Veranstalter, Dates an die „breaks.org“-Klientel zu vermitteln. Der nächste Schritt ist, dass man sich nicht mehr nur über diese Dates definiert, über den Terminkalender, sondern dass Leute, die Lust haben zu reflektieren, das dort auch tun können – also mal eine Platte rezensieren, eine Party beschreiben, gewisse kulturelle Entwicklungen in Leipzig begleiten oder kritisieren wollen: „Was ist im Conne Island los?“ Oder: „Wie steht es um die Clubkultur in Leipzig an sich“ Oder: „Warum ist eine Sache wie ‚breaks.org‘ nicht mehr möglich?“


Kreuzer: Ja, warum eigentlich?

Booga: Die Leute haben sich vom Prinzip dieser unhierarchischen Party inzwischen emanzipiert. Es ist eigentlich eine ganz normale Entwicklung. Es zieht jetzt halt jeder seine Partys durch – mich eingeschlossen. Es gibt kaum noch den Gemeinsamkeitsfaktor, der die Bedingung für „breaks.org“ war. Die Leute haben dort ihre Reihenfolge gezogen, jeder hat genauso lange aufgelegt wie der andere, jeder hat das gleiche Geld bekommen. Diesen kleinsten gemeinsamen Nenner, der vielleicht hier und da auch linke ethische Ansätze drin hatte, gibt es im Veranstaltungssektor meiner Meinung nach kaum noch.


Kreuzer: „breaks.org“ – also die Website und die Party-Reihe – war aber ein sehr erfolgreiches Projekt. 

Booga: Die Site wurde letztendlich von wenigen Leuten mit sehr viel Aufwand realisiert. Und sie wurde als gut empfunden, weil wir uns teilweise auch als Dienstleister offenbart haben. Für viele Leute war das eine informative Anlaufstelle, gerade in Sachen Dates, mit der Fokussierung auf Drum & Bass. Dazu kommt die Verbindung mit den „breaks.org“-Partys und der Ansatz von Velocity Sounds Records, eben nicht nur die Partys im Conne Island zu machen, sondern eben auch die Mixtapes dazu. Damit ist die ganze Reihe auch ein bisschen zeitlos geworden, die Tapes gibts immer noch und du kannst immer noch jeden DJ drauf hören, der bei „breaks.org“ aufgelegt hat. Und das Konzept war von Anfang an ein Erfolg. Die Leute haben nämlich festgestellt, dass sie eine Party machen können, ohne dass unbedingt eine große Celebrity da sein musste, dass man zu den local heroes genau so abgehen kann. Diese Notwendigkeit, vierteljährlich einen Ausschnitt aus der Breakbeat-Szene zu zeigen, hat sich heute aber erübrigt. Du kannst jede Woche lokale DJs erleben. „breaks.org“ war da so eine Art Katalysator.


Kreuzer: Die Breakbeat-Szene hier ist schon außergewöhnlich, oder?

Booga: Wenn du dir allein anschaust, wie viele Crews, also Veranstalter-Kollektive, es hier gibt! Dieses Interesse, nicht nur DJ zu sein im Club, sondern darüber hinaus auch Leute zu binden, auch Vielfältigkeit anzubieten – das gibt es meiner Meinung nach kaum woanders. Da sollte man schon selbstbewusst sein und sagen, dass Leipzig in dieser Hinsicht ziemlich weit vorn ist.


Kreuzer: Ein ursprünglicher Ansatz von „It’s Yours!“ war, „sich kritisch mit den ökonomischen, politischen und kulturellen Zusammenhängen in der Clubmusik auseinander zu setzen.“ Wie drückt sich dieser – nennen wir es – gesellschaftspolitische Anspruch aus?

Booga: Das sehe ich ganz pragmatisch: Die Anerkennung aller Beteiligten auf „Selbstbestimmung“, „Gleichberechtigung“ und „Emanzipation“ soll selbstverständlicher Teil des kulturellen Handelns sein. Das kann in Ansätzen funktionieren, wie „breaks.org“ gezeigt hat. Dabei spielten aber die Rahmenbedingungen, wie sie mit dem Conne Island gegeben waren, eine nicht zu unterschätzende Rolle. Außerhalb dieses speziellen soziokulturellen Umfelds spielt die ökonomische Kalkulation für eine Party eine viel größere Rolle. Damit müssen diese Maßstäbe gewissermaßen konkurrieren. Da wird es schwerer, Newcomer zu fördern, neue stilistische Konzepte zu verfolgen und allein die Skills statt die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht zu bewerten – zumal man vielleicht das Pech haben kann, ein von drei gleichartigen Events an einem Abend auszurichten. Ich will damit nicht sagen, dass inzwischen Veranstalter wie z.B. im Fridayclub der Distillery nicht auch heftige Erfolge feiern können, aber der erwähnte gesellschaftspolitische Anspruch spielt gegenüber der Absicht, eine gute Feier zu organisieren, alle Beteiligten auszuzahlen und die eigenen Mietkosten etwas zu entlasten natürlich kaum eine Rolle. Ob und wie das zu bewerten ist, darüber kann man jetzt bei „It’s Yours!“ diskutieren.

Kreuzer: Was muss ich tun, um bei „It’s Yours!“ mitmachen zu können?
Booga: Du schickst eine Email an info[at]breaks[dot]org und dann bekommst du eine Einladung mit den technischen Anweisungen zur Anmeldung. Hast du die erhalten kannst du selber Beiträge auf der Website verfassen. Als Autor wirst du dann zu den unregelmäßig stattfindenden Redaktionstreffen eingeladen und schon bist du „Teil einer Jugendbewegung“ – hahaha!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.