Drum’n’Bass 2000 Reloaded – Das Interview

Am 21.09. soll im Conne Island Drum and Bass von vor mindestens 10 Jahren zelebriert werden. Um die Wartezeit auf diesen Trip zurück in die damalige oder immer noch aktuelle (Sound)-Zukunft etwas zu verkürzen und unseren nicht vorhandenen Bildungsauftrag im Fach Breakbeat-Geschichte zu erfüllen, haben wir als Zeitzeugen und gleichzeitig Protagonisten des kommenden Samstags

Derrick (Ulan Bator),
Malcolm (Ulan Bator, Downtownlyrics),
Snoopy (Ulan Bator),
Remasuri  (Rolling Sounds),
Full Contact (Rolling Sounds, Downtownlyrics),
CFM (Repertoire),
LXC (Protocut, Alphacut Records),
Legacy of NEST aka Zapotek (Rolling Sounds)
Windy, Booga & MC Amon (Cuba Crew)

per E-Mail interviewt (Smileys forever!) – viel Spaß beim Lesen!

[Es sei noch erwähnt, dass wir – um es uns allen etwas einfacher zu machen – Jungle und Drum and Bass immer synonym verwendet haben und hier kein Vorzug oder Gewichtung deswegen ausgedrückt werden soll.]

Tina: Wann und wo kam für Dich Jungle und Drum and Bass nach Leipzig?

Windy: Anfang der 90er durch einen Besuch in London. Unvergesslich der Besuch im Blue Note zur „Metalheadz Sunday Session“.

Zapotek: Mit The Definition of Hardcore von Reinforced Records. Per Telefon-Bestellung im Hardwax, Berlin.

Snoopy: So Mitte der 90er im Conne Island.

Derrick: Mitte der 90er mit den ersten Jungle Partys im Conne Island.

Malcolm: 1995.

Booga: Die Jungle Sessions von Snoopy & Malcolm in der Duschkabine/Elastic und eine Titelstory in der TEMPO über Goldie.

CFM: 1996 mit 4Hero Universal Love auf A Journey into Drum and Bass Vol.1 und
Roni Size New Forms. Und selbst zum DnB auflegen mit Kemistry and Storm im Conne Island 1999.

MC Amon: Ich glaube das war so 1998 im Conne Island mit Shy FX und MC Det.

Full Contact: Im Jahr 2000 im Conne Island.

Remasuri: Da hat – für mich zumindest – schon das Conne Island Maßstäbe gesetzt. Mit internationalen Gästen wie Ed Rush oder den Locals Booga & Windy. Auch die Ulan Bator Jungs waren ja schon früh präsent.

LXC: Für mich war das ja quasi die ganze Zeit schon hier, bin dahingehend gar kein alter Hase. Als ich da reingerutscht bin, gabs schon eine gesunde Szene mit Plattenläden, diversen Clubs, wöchentlich mindestens eine gute Veranstaltung und jede Menge Heads die uns Grünhörnern weit voraus waren.

Was habt ihr vor Drum and Bass gehört? Habt ihr da schon Platten aufgelegt?

CFM: Ja schon – von Anbeginn 1997 lege ich mit CDs auf. Damals Mo Wax, Ninja Tune, Compost, Warp-Sound, Abstract, Electronic, Future Sound of Jazz, Trip Hop, Down-und Breakbeats.

Booga: Acid House, Prodigy, Sonic Youth, Underworld. Erst in der Schuldisco mit Kassetten und später in Kneipen Kraut und Rüben auf Platte.

Malcolm: Techno House, Hip Hop, Electro… Ich habe zu diesem Zeitpunkt schon House und Hip Hop aufgelegt, aber schon zu „Techno-Zeiten“ Breakbeats und UK Hardcore Scheiben gekauft und mit in das Set gemischt.

Full Contact: Ich habe davor ausschließlich Hip Hop gehört und seit 1994 auch dieses Genre aufgelegt.

Windy: Headz und Downbeat! Partys musste man selbst organisieren und von Clubkultur war nicht die Rede. Aber so hatten wir unsere Nächte zum Platten drehen.

Derrick: Ja, House, Techno, (real) Electro und Breaks.

Remasuri: Alles mögliche von Ambient über Hip Hop bis Indie. Hatte auch schon bald Sachen wie Goldie, LTJ Bukem oder Bassface Sascha. Aber bis die Sache mit dem Auflegen losging, hat es noch eine Weile gedauert.

LXC: Das war eine ziemlich wilde Mischung aus Rave, Breakbeats, Hip Hop, Punkrock und Amiga-Schallplatten. Und nein, auflegen kam erst viel später.

Snoopy: Soul And Funk. Aufgelegt habe ich noch nicht damals

Zapotek: Gabba, Techno, House & Acid. Nein.

MC Amon: Ministry, Rage Against The Machine, Cypress Hill, MC Det (Out of Det), MC Conrad & LTJ Bukem, …

Was hat euch an Drum and Bass sofort begeistert und wodurch seid ihr es bis heute geblieben?

Derrick: Der Breakbeat aka AMENS, die unendliche Stylevariationsbreite und natürlich der BASS!

Malcolm: Die Beats und Breaks… der Breakbeat halt.

Booga: War Drummer in einer Punkband, später dann Crossover – klar waren es dann die Breaks. Aberwitzige, unspielbare, aber eben völlig geile Drumbreaks auf diesen sinnlos tiefen Bässen. Ich hab dann erfahren, dass man das Subbass nennt. Die Klangwelten waren komplett neu: Horrorfilmsamples, Rave Chords, düsterer Hall auf alles mögliche. Und eben die Breaks.

CFM: Der Bass. Die Breaks. Der Drive. Suspense.

Remasuri: Die Vielseitigkeit. Drum and Bass nimmt einfach aus vielen anderen Musikrichtungen Impulse auf und kreiert daraus etwas Neues, Tanzbares.

MC Amon: Erst die Dopeness bei Jungle und dann die futuristischen, experimentellen Stücke à la Photek, die bis heute teilweise noch produziert werden. Ein weiterer Aspekt ist die Geschwindigkeit. Prozesse im Inneren und Äußeren laufen v.a. in einer industrialisierten Welt relativ schnell ab, daher fand ich Jungle/DnB näher an einer urbanen Wirklichkeit und noch spannender, wenn man mit Pads eine meditative Atmosphäre dazu schafft, die man als konträren, meist inneren Ruhepol betrachten könnte.

LXC: Ganz klar die Energie und Bewegung die da drin steckt! Und die dys-/u-topischen Ideen die da mitschwingen, der Futurismus, das Hinterfragen und Verbiegen von Technologie, in der Breakbeat-Science mündend – kaum ein Genre hat Sampling derart an seine Grenzen gebracht. Nennt es Nerdscheiß, für mich waren das schon irgendwie Kunstwerke. Man wollte wissen, was da nun geht, an der Mensch-Maschine-Schnittstelle. Zu einer Zeit, wo man mit dem Handy auf der Straße noch ausgelacht wurde. Heute ist Technik ja deutlich entzaubert, aber der Sound lässt einen trotzdem nicht los. Weltweiter Austausch schwemmt immer neue Ideen an, alles verästelt sich immer weiter. Null Langeweile in Sicht!

Snoopy: Die Vielfalt der Style, das grosse Spektrum an Samples und Sounds die verwendet wurden und werden.

Windy: Die Energie und Kompromisslosigkeit des Sounds. Hate it or love it… War auf den ersten Partys nicht zu übersehen.

Full Contact: Da sich bei mir das Tanzen im Hip Hop Bereich auf ein leichtes Kopfnicken beschränkte, und ich aber durchaus gewillt war mich stärker der Musik anzupassen, war Drum and Bass für mich damals in erster Linie eine Musikrichtung bei der ich gut wackeln konnte. Das mit dem Tanzen hat dann mit der Zeit abgenommen und aktuell finde ich die verschiedenen Spielarten, die es nach längerer Eintönigkeit wieder gibt, für mich interessant.

Zapotek: Snake Style von Source Direct, die ersten Infra-Red-Veröffentlichungen, Photek mit Form & Function. Heute gibt es für andere Musik Begeisterung.

Was hat den Vibe der Anfangszeit ausgemacht? Was war für dich persönlich besonders und aufregend, was heute vielleicht schon selbstverständlich ist?

Malcolm: Am Anfang hatte ich das Gefühl bei etwas völlig neuem dabei zu sein (zumindest in Leipzig). Außerdem gab es endlich eine elektronische Alternative zur Techno-Musik, die mir 1995 größtenteils schon ziemlich auf die Nerven ging.

Windy: Das war einfach fresh zu der Zeit und es entwickelte sich eine Szene. Die Mystik im Sound fesselte mich am meisten!

Derrick: Die Hingabe zum Sound und das zelebrieren jeder Bassline.

Booga: Unbekanntes Land, es gab keine Spielregeln für irgendwas, man hat komplett intuitiv experimentiert. Heute gibt es immer noch gute und aufrichtige Verbindungen zu den Leuten die man damals kennen gelernt hat.

Zapotek: Das man einen jazzy Tune direkt nach einem darken Track spielen konnte, es war alles gleichermaßen bedeutsam und auf der Tanzfläche gab es konstant Bewegung.

LXC: Ich bin ja völlig kaputt gegangen als es so ’97 rum auf einmal doch nochmal düsterer wurde, so roboterfunkmäßig. Ich hab diese Stücke teilweise gar nicht kapiert, bin völlig verzweifelt wie die das nur hinbekommen. Einfach nur gekleckert. Jetzt seh ich das entspannter und kenne ein paar kleine Tricks. 🙂

CFM: Der summende, brummende oder knurrende Bass, der scheinbar aus den
unendlichen Weiten eines unbekannten Raumes zu kommen schien. Die euphorisch klackernden Drums, hallend und verhallend. Manchmal peitschend. Treibend. Die Verzögerungen. Die Brüche.

Snoopy: Die Samples und Breaks, die einfach schneller gedreht waren, damals hieß es Happy Hardcore oder der Jungle mit Raggae-Elementen vermischt, den es bis heute noch gibt

Full Contact: Der Vibe war ganz einfach, es war neu und hat gefetzt.

Drum and Bass Produzenten und Labels – was waren und sind deine Favoriten?

Booga: Zuviele, aber ansatzweise: DJ Crystl, Photek, Source Direct, Dom & Roland, Goldie, Doc Scott. Labels: Knite Force, Suburban Base, Moving Shadow, Metalheadz, Reinforced.

CFM: Metalheadz, Full Cycle, V Recordings. Klute, Hidden Agenda, Photek, Calibre.

Derrick: Einige wenige große: Moving Shadow, Ganja Records, Congo Natty, Digital Soundboy… und die jeweiligen Produzenten dahinter.

Full Contact: Also damals wie heute Marcus Intalex mit seinem Soul:R Label und der etwas härtere Stil von Twisted Individual.

LXC: Puh, schwer. Ich kann gar nicht den Anspruch erheben, nicht mindestens 50% von allem geilen Scheiß damals verpasst zu haben… Anfangs mochte ich so die Standards wie Jonny L, Dillinja, Dom & Roland und hab Reinforced, Moving Shadow und Creative Wax gekauft. Für immer in meinem Regal bleiben weiterhin: Danny Breaks, Source Direct, Alpha Omega, Leon Mar, Sonar Circle, 4 Hero, Boymerang, Digital, Paradox, Photek, Total Science, Deep Blue, Krust, Nico und Technical Itch und Labels wie No U Turn, Droppin Science, Metalheadz, Certificate 18, Sonica, Partisan, …

Malcolm: Moving Shadow, Ganja Records, V Recordings, S.O.U.R. , Aphrodite Recordings.

Remasuri: Oha, da gibts Unmengen. Ich sag mal bei den Produzenten Dillinja, Marcus Intalex, Bad Company, Ed Rush & Optical; auf der DJ-Seite Andy C, Mampi Swift, Friction, Hype, Zinc, Bailey, Storm.

Snoopy: Interpreten: LTj Bukem,Marcus Intalex, Klute. Labels: Good Looking, Moving Shadow, Suburban Base.

Windy: Total Science (C.I.A.), Dillinja & Lemon D (Valve), Krust (V Recordings), Calibre, Marcus Inntales (Soul:R) u.v.m…

Zapotek: Vieles bis ca. 2001/2003 außer Jump Up.

Aus welchen subkulturellen Kontexten kamt ihr und wie hat das euer Wirken in der Drum and Bass Szene beeinflusst?

Derrick: Underground.

Full Contact: Wie gesagt, hatte ich mich schon viele Jahre vor Drum and Bass mit Hip Hop und Rap Musik beschäftigt und ich habe dann schon recht bald probiert, diese beiden Stile zu kombinieren. So habe ich z.B. recht unspektakulär ein Hip Hop Acapella über ein DnB-Stück gelegt, und das hörte sich für mich recht cool an, so das ich versucht habe, diese Vermischung weiter und immer öfters in meinen Sets mit einzubauen.

Malcolm: Ich habe 1995 Hip Hop und House-Musik aufgelegt und war in diesen Szenen zu Hause. Mit Jungle/DnB kam dann eine weitere Szene dazu.

Snoopy: Ich habe direkt mit Breakbeat angefangen aufzulegen.

LXC: Ist Freeparty ein subkultureller Kontext? Habe immer versucht, einen offenen und DIY-mäßigen Ansatz zu fahren, auch wenn das immer alle kauzig fanden.
Es gab aber vorher für mich keinen wirklich nennenswerten Szeneanschluss irgendwoanders. War mir auch Rille. 🙂

Zapotek: Grünau & Wohnzimmer Partys mit Warp & Audio Emmssions, Output Records, Mangas, Sketchbooks & Kiffen. Grafitti-Punk-Kiffer-Umfeld.

Windy: Da wir hier im Süden der Stadt leben, war das Conne Island unser Zuhause. Politisch und kulturell absolut wichtig der Laden. Hier waren Dinge möglich und wer wollte, konnte sich einbringen. In der Veranstaltungschronik wird sichtbar, wer über die Jahre alles zu Gast war. Auch im Bezug darauf, über den Tellerrand von Drum and Bass zu schauen. Natürlich hat uns das beeinflusst…

CFM: Ich war Teil der Repertoire Crew und – mit allen anderen glorreichen 7 – Redakteurin unseres gleichnamigen Fanzines: Kritisches und Brüchiges in 0341. Habe mit Francis Hunger den Elektronischen Sonntag veranstaltet und Kunst studiert – bestimmt hat das einen Einfluss auf meine Wahl und Art und Weise DnB aufzulegen und ihn in Szene zu setzen gehabt – einen guten, denk ich.

Booga: DIY ist ein Begriff, der mir erst später bekannt wurde aber das beschreibt, was wir quasi seit der Wende ständig gemacht haben. Ob das jetzt Freiräume betraf, oder Organisation gegen Faschoübergriffe, Flyer und Zeitungen und später Webseiten bauen.

Remasuri: Wie schon gesagt, musikalisch hab ich alles Mögliche gehört. Deswegen vielleicht auch meine Bewunderung für die Vielseitigkeit, Buntheit des Genres.

Wie ist das eigentlich, eine neue Musikrichtung „einzuführen“? Habt ihr sowas später auch bei anderen Genres erlebt?

Zapotek: Keine Ahnung, baut nicht immer eins auf dem anderen auf?

Derrick: Ich sehe mich nicht als jemand der eine „neue Musikrichtung“ eingeführt hat. Parallelen zu der Attitüde der „DnB-Zeit“ sehe ich beim Dubstep.

Snoopy: Ich kenn das von 2Step oder Dubstep (heute). Es wird verbreitet, entweder es gefällt den Leuten oder nicht. Ich selber habe noch keine neue Musikrichtung aufgelegt.

Remasuri: Naja, so viele Musikrichtungen setzen sich ja in Deutschland nicht unbedingt durch. Während die Briten am liebsten jeden Monat einen neuen Style hätten, haben sich ja britische Erfindungen wie UK Funky, Garage etc. nicht gerade durchgesetzt. Gerade Dubstep konnte sich meines Erachtens noch einen gewissen Rang hierzulande erkämpfen.

LXC: Hier in der Provinz tun sich ja immer alle schwer mit sowas. Da hechelt man immer gern dem Geschehen im Ausland hinterher. Erst wenn das woanders der Hype ist, kann man hier auch wirklich Leute hinterm Ofen vorlocken. Tatsächlich macht es da so schwer für eine wirklich neue spannende Musik aus Leipzig selber. Schade eigentlich.
Heutzutage ist „neu“ ja übermorgen schon verstaubt, also bevors wirklich cool wird, ist es schon zweimal gerevivalt und geremixt. Dadurch verwaschen sich Stile heute aber auch wieder sehr angenehm.

CFM: Es ist aufregend und etwas mühsam, denn vorerst ists wie so oft und bei den
meisten Neuanfängen – was der Bauer nicht kennt…

Booga: Über sowas denkst du nicht nach wenn es passiert. Später registrierst du neue Spielarten wie Dubstep und Footwork, lässt dich inspirieren von den Sachen die dir gefallen.

Windy: Das macht den Reiz wahrscheinlich aus und „Das neue Ding“ wird es immer geben.

Malcolm: Zu Beginn sind, für mich persönlich, neue Musikrichtungen immer am spannendsten. Da wird noch viel experimentiert und der musikalische Pfad ist noch ausgetreten.

Welche Rolle spielten die Locations in Leipzig für Drum and Bass?

Derrick: Eine große.

Zapotek: Zu viel im Sinne einer gewissen „Szene-Politik“.

Windy: Wichtiger sind die Personen die dahinter stehen und ihre Crowd mobilisieren!

Snoopy: Eine große Rolle. Mitte der 90er legten schon bekannte DJs aus England im Conne Island auf. Es wurde sehr gut angenommen vom Publikum.

Booga: Ohne Sören Pünjer (damals in der Geschäftsleitung) wär das Conne Island für DnB vielleicht gar nicht relevant geworden; ohne die Leipziger Crews und ihrem Enthusiasmus quasi überall DnB zu spielen ging es sowieso nicht. Es sind also immer die Leute, die in und mit den Locations gearbeitet haben, die es spannend gemacht haben.

Full Contact: Naja, der Eiskeller war für damals das Nonplusultra was DnB-Partys betraf.

Malcolm: Die meisten Jungle/DnB-DJs habe ich in Leipziger Clubs gehört – also spielen die hiesigen Lokalitäten eine sehr wichtige Rolle für mich.

CFM: Das Conne Island spielte eine große Rolle für DnB und diverse Keller. Wos
für mich gut Knaggte.

LXC: Es gibt eine Menge Läden, denen wir viele gute und inspirierende Abende zu verdanken haben! Ob nun der lokale Austausch im Kosmophon, wegweisende Sets in der Distillery, die großen legendären Sachen im Conne Island oder die ganzen Fabrikgeschichten früher – danke an Leipzig, dass wir da überall abraven durften!

War das Verhältnis der verschiedenen Spielarten von Drum and Bass in Leipzig ausgeglichen? Oder findet ihr, dass in hier in der Stadt ein bestimmter Sound schon immer vorrangig war?

Booga: Da musst du mal die Leute von ausserhalb fragen, wie Real (Bionic Crew) aus Jena, Jeff Smart (King Beatz) aus Dresden oder DJ Cat aus Erfurt – für die sind wir eher leftfield gewesen. 😉

Derrick: Anfang 2000 gründeten sich mehr und mehr Crews mit verschiedenen Styles. Die DnB-Landschaft war üppig. Alle respektieren einander – das ist das Beste!

Full Contact: Ich denke, dass es ausgeglichen war und ist. Es gibt viele Leipziger DJs, die ihr DnB-Repertoire nicht nur auf einen Stil beschränkt haben…

Windy: Leipzig steht nicht für einen bestimmten Sound. Alle möglichen Leute haben die verschiedenen Partys veranstaltet.

Remasuri: Verschiedene Crews haben verschiedene Sachen gemacht. Irgendwann wussten dann die Leute schon: „Aha, Ulan Bator, da gibts eher Jungle, bei Rolling Sounds wirds etwas elektronischer, die Repertoire-Leute stehen auf Frickeliges.“ Zum Beispiel. Dominiert hat da keiner; man hat sich in aller Vielfalt präsentiert.

Snoopy: Ich denke nicht. Es waren immer verschiedene Acts oder DJs am Start. Auch die lokalen DJs, die immer verschiedene Styles auflegten.

CFM: Jede/r macht(e) was selbst interessiert und gefällt. Ganz unterschiedlich.

LXC: Für mich hat Leipzig gar keinen so speziellen Sound, leider! Hätte es mal verdient. Signifikant ist für mich schon immer so eine Art 50/50-Szene, Kids hier, alte Hasen da. Irgendwie gibt es für mich schon immer zweimal DnB in Leipzig. Ziemlich schizophren. Aber, die dunkle Seite der Macht wird natürlich irgendwann siegen, logo.

Zapotek: Nein, auf keinen Fall. Ja, der „Nach-vorne-Sound“.

Malcolm: Nach meinen Gefühl, werden und wurden die Spielarten von DnB die eher technolastig, düster und gerade produziert worden, am Besten angenommen.

War für dich Drum and Bass jemals Mainstream?

Full Contact: Nein.

Remasuri: Nein.

Windy: Never.

CFM: Nope.

Malcolm: Nein, aber manchmal war es nahe dran.

Snoopy: Schwer zu sagen. Es waren schon einige DnB-Hits in den englischen Charts.

Zapotek: Ja, nach Dillinja’s Fast Car.

Derrick: Ja und nein – kommt darauf an wo Mainstream anfängt:
JA: Siehe Raves in Mannheim, London oder wo auch immer tausende Kids mit Riesen-Pupillen zu brutalstem Sound frei drehen. Viel mit Breakbeats und Amens war da aber nicht mehr zu hören.
NEIN: Weil der gebrochene Riddim einfach nicht gerade genug und somit nicht ausreichend eingängig für Mitteleuropäer ist.

Booga: Es gab Zeiten, da war das die Abspannmusik bei RAN (Bundesliga auf SAT1) – das war nicht das Ende der Welt, aber es hat genervt. Das Ace of Base Publikum hats nie wirklich begriffen und wir können uns bei den Producern bedanken, die das auch nie zugelassen hätten – siehe Digital & Spirit.

LXC: Klar. Und noch spannender: Es war sogar mal Mainstream UND gleichzeitig gute Musik. Zugegeben, das Ganze ist aber auch schon ein paar Jährchen her.

Am 21.09. soll ja „kein Track jünger als 2003“ gespielt werden. Was hat es mit dieser Jahreszahl auf sich?

Full Contact: Das kläre ich am 21.09.

Windy: Der Name ist Programm, von daher sollte Musik aus dieser Zeit gespielt werden.

Remasuri: Das weiß ich nicht. Mir wurde 2001 gesagt und daran halte ich mich. 😉

Snoopy: Das weiß ich nicht, warum älter als 2003. Vielleicht älter als 10 Jahre? 🙂

CFM: Genau weiß ich es nicht. Für mich ist es das Jahr, in dem ich begonnen habe, mich intensiv mit Fieldrecordings und Sampling für meine eigenen Stücke zu beschäftigen. 2003 habe ich mein erstes Kompakt Minimal Techno Set aufgelegt und mich mehr und mehr vom DnB distanziert. 10 Jahre her.

Malcolm: Da habe ich für viele Jahre aufgehört DnB-Platten zu kaufen 😮

Zapotek: Da ist dem Sound endgültig die Einzigartigkeit ausgegangen.

Derrick: 2003 war so etwa der Höhepunkt der DnB Culture in Leipzig.

Booga: Es ist nur ein Setup. ’93 – ’03 das sind 10 Jahre als Eingrenzung. Und Limitation födert bekanntlich die Kreativität, hehe.

LXC: Das Gründungsjahr von Alphacut, damit ich nicht nur Platten vom Label spielen kann? 10 Jahre Jungle im Conne Island? Oder kam 2003 die letzte coole Scheibe raus, die sich Booga noch auf Platte gekauft hat? Phantom Force kam doch ’99 raus, schon komisch das!

Welche Rolle spielt heute Drum and Bass für euch?

Zapotek: Keine.

Full Contact: Für mich gibt es da keine größere Gewichtigkeit als zu anderen Genres, die ich höre und auflege. Im Moment gibt es aber wieder ein paar neue Ideen und Releases die mich ansprechen.

CFM: Er spielt momentan bei mir keine so große, nur die frühen Sachen: 4Hero, Photek. Und wenn ich etwas Neues zufällig im Kapitaldruck höre, funkts.

Malcolm: Da ich viel Hip Hop, Reggae, Dubstep und UK Bass auflege, spielt DnB für mich heute eine kleine Rolle, aber seit einigen Jahren gibt es musikalisch wieder Hoffnung.

Snoopy: Ich bin nicht mehr so aktiv dabei, es spielt aber schon noch eine wichtige Rolle in meinem Leben.

Windy: Der lange Arm unserer Jugend!

LXC: DnB ist so der schicke aufpolierte Käfer in der Garage, mit dem ich sonntags mit dem Spross in die Pilze fahre. So in etwa. Auf keinen Fall eingemottet, immer zentrales Thema. Die Mutter dessen, was mich so antreibt. Die Backup-Batterie vom Zentralprozessor quasi. Gerade 2013 wieder frisch wie Frosta, es bleibt derbe spannend!

Derrick: Wie jede gute Musik eine wichtige.

Booga: Gute Musik wird nie Scheiße.

Die Partyankündigung wirkt schon ziemlich nostalgisch. Kotzt euch der aktuelle Drum and Bass so sehr an, dass eine Party mit Blick zurück nötig geworden ist?

Zapotek: Keine Ahnung.

Malcolm: Einige Entwicklungen der letzten Jahre lösen bei mir wirklich den Brechreiz aus und wirken einschläfernd, aber es gibt, zum Glück, nach wie vor sehr interessante Produktionen.

Derrick: Jeder Sound der durch Beliebigkeit und Austauschbarkeit ad absurdum geführt wird, kotzt an. Härter ist nicht gleich besser, wenn der Soul und die Deepnes fehlt!

Full Contact: Ich denke nicht, dass es was mit der aktuellen Situation von DnB zu tun hat. Die Zeit war reif und jetzt wirds gemacht.

Remasuri: Nein, aber nach 20 Jahren kann man ja ruhig mal einen Rückblick abhalten, was früher so gespielt wurde. Damals wie heute gab und gibt es cooles Zeug und nicht so Gelungenes.

Snoopy: Nein, das nicht. Es ist aber immer mal wieder schön die alten Sachen zu hören und aufzulegen.

CFM: Ich mochte den „Swing“ in den früheren Tracks und habe ihn irgendwann nicht mehr gefunden, da habe ich mich mehr den anderen Musikrichtungen zugewandt, für die ich mich bereits interessierte – Electro, Clicks&Cuts, Minimal Techno. Die Zeit in der ich DnB aufgelegt habe war großartig, mit allem drum und dran. Deshalb ist der Blick zurück für mich nur eine Freude und auch eine kleine Hommage an damalige DnB-Veranstaltungen und meine Repertoire-Freunde/Innen. Am 21. werde ich sicher einiges spielen, was ich ohne die Begegnung mit ihnen nicht gehört hätte.

Windy: Revivalpartys gab es schon immer, wir freuen uns auf ein Wiedersehen. Einen tieferen Sinn sollte man darin nicht vermuten. Just 4 fun!

Booga: Wir hatten Bock auf die Musik und auf ein Treffen.

LXC: Nö. Aber mal ein Abend mit dem Fotoalbum hat auch seinen Reiz. Mal eben nach Wurzeln schauen kann helfen, wenn man hoch hinaus wachsen will.
Alles Quark! Blame Booga for the retro sadness shit!!

Drum and Bass Partys in Leipzig heute und vor 13 Jahren – was ist der wesentliche Unterschied?

Full Contact: Die Tunes.

Zapotek: Keine Ahnung.

Snoopy: Keine Ahnung, ich gehe nicht mehr so oft zu DnB-Partys, aber ich denke mal im Wesentlichen hat sich der Sound geändert, die Leute nicht.

CFM: Ich bin 13 Jahre älter und das Publikum ist 13 Jahre jünger als ich.

Remasuri: Das Publikum. Man sieht kaum noch Leute, die früher dabei waren.

Derrick: Siehe vorherige [Frage] und die Massive, der harte Kern der Leute, die dafür brennen, fehlt.

Booga: Bei einer Party mit Storm im Island 1998 hab ich mal zwei Mädels aus Seattle kennen gelernt, die waren fassungslos, dass nicht alle beim Tanzen in Richtung DJ starren. Muss ich mehr sagen?

LXC: Ein Floor voller Klugscheißer, der schon alles kennt, bevor es rauskommt. Wer nicht Producer ist oder welche kennt, ist da ganz schnell die Hitschlampe von letzter Woche.
Was immernoch gleich ist: Der straighte Sound zum Tanzen reizt kaum Leute lange dabei zu bleiben und verkopften Kram finden alle toll, aber keiner tanzt. Argh.
Ich vermute ja immernoch, dass richtig guter DnB eher so auf einer imaginäre Tanzfläche verortet ist. Wohlan, Kopfhörer auf, geht los!

Malcolm: Wie in jeder Musikrichtung, die ich höre, sind viele Leute heutzutage durch die ständige Verfügbarkeit von Trax und Mixen im Netz übersättigt, musikalisch unkritisch und lethargisch. Das war vor 13 Jahren noch anders. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel.

Windy: Gin Tonic statt Cuba Libre 😉

Breakbeat-Fanzines haben ja mit z.B. Repertoire, breaks.org, Paperclip eine gewisse Tradition in Leipzigs Breakbeat Szene. Findet ihre solche Medien (noch) wichtig?

Booga: Natürlich!

CFM: Fanzines sind wichtig für jedwede Szene – selbst machen und gestalten, organisieren, recherchieren und das Austauschen mit Anderen verleiht einer Szene erst Lebendigkeit und hält die eigene Gedankenwelt offen. Neben den virtuellen Foren einer Szene – ein handfester Beweis für ihre Existenz.

LXC: Gegenfrage: Sollten Fanzines vielleicht auch immer lieber wirklich nur von Fans gemacht werden?
Und hier kam sowas immer eher aus der Hand der „Produzenten“, also von Veranstaltern, DJs und Radiomachern. Die Szene war auch eigentlich immer einen Tick zu klein, um wirklich monatlich wichtige News aus der Stadt präsentieren zu können. Also vielleicht sollten alle etwas weniger rumhypen und mehr Musik schrauben, damit es wirklich was zum vorzeigen gibt, mal irgendwann? Dubei!

Zapotek: Keine Ahnung, habe mit der „Szene“ ja nix mehr am Hut.

Windy: Da die öffentlich rechtlichen Medien sich dem Thema nicht annehmen werden, wird es immer notwendig sein, alternativ Wege zu beschreiten. Was auch gut so ist! Der Einfachheit halber spielt sich natürlich alles im Netz ab. Wo ein Autor, da ein Leser…

Malcolm: Ich finde es sehr wichtig, dass es Fanzines gibt. Denn kein soziales Netzwerk kann guten Journalismus ersetzen.

Snoopy: Ja, sehr wichtig

Derrick: Ja, heute eigentlich umso mehr bei der Flut an Bullshit der jeden Tag ins www gestellt wird.

Full Contact: Habe ich nie gelesen oder verfolgt.

Was macht ihr aktuell musikalisch grade?

Zapotek: Jackson & His Computerband Glow, Datasette People Without Mouths, Emika Dva, Motörhead Iron Fist, VHS Head & Meatbingo, Jan Hammer Group Melodies, Mu-Ziq XTEP, Dire Straits, Galatic Carnivale Electricos, Orbital Wonky, Year Long Disaster, Kenji Kawai, Wagon Christ, Phonecia, Blech 20.1, Vangelis, Unida, Eagles of Death Metal, Trash Titan, Alice in Chains.

Windy: Ich würde mal sagen, ich höre mir alte DnB-Platten an.

Snoopy: Ich leg ab und zu mal Drum and Bass zu Hause auf.

Malcolm: Hip Hop, UK Bass, Trap, Footwork und ein bisschen Reggae.
Remasuri: Mache immer noch Drum and Bass, beschäftige mich aber auch mit – ich sag jetzt mal – „bassigem House“.

LXC: Drum and Bass ist und bleibt das Mutterschiff. Von da aus gibts Expeditionen zu Dub, Dubstep, Dubtechno, Noise, Acid und seltsamen dazwischen liegenden Verflechtungen, die hoffentlich jeder Schublade trotzen. Bumm. Möp. Knarz. Brrrrrrmpfff.

Full Contact: Recht viel mit Malcolm Platten drehen und selbige in hoher Anzahl erwerben.

Derrick: Dubstep, Dub, Jungle, Ragga Jungle, Drumstep und Drum and Bass.

CFM: Als DJ: Momentan lege ich sehr gern die alten Plaid Alben auf, John Tejada, Two Lone Swordsman und Autechre. Jazz und Soul ist in den letzten 3 Jahren zu den Electronics – Minimal Techno, Electronica – dazu gekommen.
Als Soundartist: Fieldrecordings sind seit jeher Bestandteil meiner eigenen musikalischen Arbeit, ob pur, minmal technoid, experimentell oder ambientös verarbeitet. Das tiefe oder helle Alltagsgeräusch und der Klang von (Sommer-) Regen und gesampleten Wassertropfen ist mein all time favorit.

Booga: Auflegen: Slowfast, Footwork, Techno, Garage. Hören: aktuell alles von David Bowie, Om Unit und Curve.

Vielen Dank an alle für das Interview und an Booga außerdem für die Fotos!

6 Kommentare

  • hach, ich bin traurig nicht dabei sein zu können, auch wenn meine dnb-zeit erst ab 2003 los ging – ich wünsche einen fantastischen abend und ich hoffe jemand schneidet mit! 😀

  • achsooo… mit kassetten auflegen gilt auch? na daaaann, hahaha… dj ferienlagerdisko winkt 🙂

  • irgendwann zwischen 2000 und 2003 hab ich angefangen, auf d&b- und jungle-parties zu gehen. war klasse, jedes wochenende ne party und zuhause dann selber mixen üben.
    erinnere mich, dass zapotek bei der crowd-control auch viel straightes raviges zeug gespielt hat 🙂
    fand auch die mix-cd und -tape-kultur echt toll. weiss nicht, ob heute die kids mit derselben begeisterung die sets lokaler djs hoch- und runterhören, damals hatte das alles aber nen riesen-einfluss auf viele leute gehabt.

  • Pingback: KW 38 – Samstag | frohfroh – we like electronic music from leipzig

  • hab zwischen 1998 und 2002 so ziemlich jede dnb-va im ci besucht. war einfach ne urst geile zeit. der drive, die energie, der dance, der step, die eingeladenen acts waren der hammer und für uns streetballer ein super workout 🙂 wenn ich dann höre wie sich der sound bis heute weiterentwickelt hat, kann ich für mich nicht behaupten dnb hätte an glanz verloren.
    also back to the roots to lock forward, besten dank für die gelegenheit!

  • Auch ich habe 97 blut geleckt und es hat mich bis heute nicht los gelassen. Auch wenn es die szene nicht mehr so gibt wie damals hat sich db in der qualität immer weiter entwickelt. Von einem sound wie zb dem aktuellen mefjus album haben wir doch damal nur geträumt. schade zu lesen dass das einige interviewte mitstreiter von damals anders sehen.
    Aber es scheint menschlich zu sein das vergangene besser zu finden. Zur nächsten reloaded party komme ich gern und spiele ein paar neue sachen 😉

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