Drum and Bass Reloaded 2017 – Interview mit Booga

Es ist wieder soweit: DIE alljährliche Retro-Veranstaltung der Leipziger DnB-Szene bringt euch zum fünften Mal den Sound der Vergangenheit auf die Tanzfläche. Und damit nicht genug – mit dem Umzug ins Institut für Zukunft eröffnen sich Möglichkeiten für Floors mit aktuellem Drum and Bass sowie artverwandten Genres. Zeit für ein paar neue Fragen (das letzte Interview ist schließlich genauso alt wie die Veranstaltungsreihe) an Booga, einen der Organisatoren.

MechxnizeD: Hi Booga, schön dass du dir Zeit genommen hast. Apropos Zeit, Drum and Bass Reloaded (DNBR) gibt’s ja nun schon seit vier Jahren. Einmal jährlich fand die Veranstaltung im Conne Island statt, nun seid ihr ins Institut für Zukunft geswitcht. Was ist der Grund für den Wechsel?

Booga: Wir können im IfZ 3 Floors nutzen. Auf dem großen Floor wird das Kernkonzept Oldschool Drum and Bass weiter fortgeführt. Das war das Erfolgsrezept der letzten vier ausverkauften Veranstaltungen im Conne Island. Drum and Bass existiert seit den frühen 90er Jahren, die Musik begleiten nicht nur DJs, MCs und Veranstalter aus Leipzig so lange, sondern natürlich auch alle anderen, die Bock auf Breaks und Bässe hatten.

Wir haben die DNBR-Idee verfolgt, weil es in meiner Generation und auch in der nächsten Generation viele Menschen mit großer Lust auf Jungle-Klassiker gibt. Tunes wie Bill Rileys „Closing In“ oder John Bs „Pressure“ nochmal auf mittlerweile fetteren Anlagen zu hören, ist schon bissl der Kick.

Okay, und nachdem wir mit Freude festgestellt haben, wir sehr das den Nerv getroffen hat, wollten wir die Chance nutzen, die Oldschool-Aficionados auch auf neue, geile Entwicklungen im Drum and Bass aufmerksam zu machen. Eine Konzeptaufweichung Oldschool und Newschool auf einem Floor schien uns keine gute Idee dafür. Also haben wir uns umgeschaut und mit dem IFZ einen Partner gefunden, der einen weiteren Floor für aktuellen Drum and Bass und noch einen Barfloor für Breakbeat-Tunes mit weiterem Tempospektrum neben dem Oldschool-Floor bieten konnte.

📷 – Mary Jane

📷 – Mary Jane

M: Ich selbst bin erst relativ „spät“ in den Drum and Bass eingestiegen (so gegen 2010/2011) und habe mich nie wirklich mit Musik beschäftigt, die in den zwei Jahrzehnten davor die Szene bewegt hat. Mich hat es sehr überrascht, dass die Musik vor allem auch bei jungen Leuten (die garantiert nicht viel mehr Background haben als ich) so gut ankommt. Ich war bisher nur einmal auf einer DNBR-Party und die war rammelvoll. Gleiches habe ich aber auch über die anderen Veranstaltungen der Reihe gehört. Was ist für dich der Grund, dass DNBR so gut besucht ist?

B: Das hat in erster Linie etwas mit der langen Geschichte des Conne Islands mit Drum and Bass Veranstaltungen zu tun. Schau dir mal https://www.conne-island.de/termin/Jungle.html und https://www.conne-island.de/termin/Drum___Bass.html an, das geht von 1995 bis heute und es waren gefühlt alle UK Acts außer Andy C im Eiskeller. Die starke Leipziger Szene um die Jahrtausendwende war schon seit den späten 90ern als Support im Island mit am Start und hat dann 2000 mit den breaks.org-Partys auch ohne UK-Headliner die Leute begeistert. Nach dieser speziellen Stimmung haben sich einige gesehnt und nachdem in den letzten 10 Jahren im Conne Island die Lobby im Laden für den Sound eher kleiner wurde und damit auch die Anzahl der Veranstaltungen, haben sich die noch aktiven DJs der Crews von damals zusammen gefunden und die Drum and Bass Reloaded initiiert: Ulan Bator, Rolling Sounds, Alphacut, Repertoire und Cuba Crew. Wir haben den Schwerpunkt auf den Blick zurück in die Drum-and-Bass-Geschichte gelegt und gesagt: kein Tune jünger als 10 Jahre!

Im September 2013 haben wir und die Leute gemerkt, wie stark die alten Bretter noch sind. Viele haben ganz eindeutig die Tunes erkannt und wussten, was lief. Da haben die alten Crew-DJs und -MCs echt ein temporäres Wurmloch geschaffen, haha. Ich schätze mal, das hat auch die jungen Leute nicht kalt gelassen, was da abging … die Tunes aus der Zeit haben natürlich noch das Zeug dazu. Banger sind Banger und Hymnen sind Hymnen.

M: Alles klar, da du ja DnB-Veranstaltungen von früher und heute gut kennst: was unterscheidet denn die heutige Szene von der damaligen? Lokal und global? Inwiefern sich Ansprüche, Geschmäcker und Nachfrage geändert?

B: Drum and Bass trägt den musikalischen Innovationsgedanken in der DNA, das ist die große Konstante. Seit Anbeginn gibt es stilistische Ausprägungen, die yin-yang-artig eine Balance herstellen, sodass das Genre nicht komplett in eine Richtung kippt: von Ragga-Jungle zu Drum and Bass, von Techstep zu Drumfunk, von Jump Up zu Liquid, von Neuro zu Autonomic, von Headz zu Halfstep und so weiter. Jede dieser Subgenres sind zu unterschiedlichen Zeiten entstanden als eine beinahe natürliche Reaktion auf einen scheinbar dominierenden Trend. Das hat nicht dazu geführt, dass andere Subgenres ausgetrocknet sind; die existieren in Wellen nebeneinander her, die Drum-and-Bass-Familie wächst. Die Crews in Leipzig haben sich seit Anbeginn immer um Subgenres gesammelt – schon bei der Nennung wussten die Leute, welchen Sound bei deren Veranstaltungen gefahren wird – das ist auch heute so.

📷 – Mary Jane

📷 – Mary Jane

Ich denke, die Entwicklung läuft immer noch ähnlich: du hörst irgendwo einen Sound, der dich tief im Solarplexus trifft; du gehst zu einer Party, wo der Sound kommt; du wirst zum Trainspotter* und entschließt dich mit Freunden zum nächsten Schritt – du kaufst die Musik, du lernst DJing, versuchst eine Party an den Start zu bringen oder du hast Bock, drüber zu schreiben oder am besten: du fängst an, die Musik zu machen. Dann triffst du Leute aus dem Mutterland von Drum and Bass und die erzählen dir dann Dinge über das DJing, über Dubplate-Kultur, über die Wichtigkeit der Style-Vielfalt und wie du deinen Platz darin finden kannst. Der Hammer! Das hat weltweit Leute inspiriert und der Sound wird international geprägt, das ist das Extralevel an Vielfalt – schau dir an, was zum Beispiel Marky (Brasilien), Seba (Schweden), Noisia (Holland) oder Sinistarr (USA) beigetragen haben.

Und so habe ich mich auch im Lauf der Zeit verändert und sehe DJs und ihre Sets mit anderen Augen: sind die in der Lage, mehr als nur einen Sound zu spielen? Können die in ihrer Spielzeit eine Dramaturgie entwickeln über mehrere Tracks hinweg? Können die das Publikum lesen und lenken? Bringen die neuen innovativen Scheiß bei der Auswahl und der Mix-Technik? Wenn es kickt, siehst du mich immer noch in der ersten Reihe.

* DJ Storm darüber, wie sie Trainspotter wurde: http://breaks.org/interview_dj_storm_01.html

M: Erweiterung und Weiterentwicklung sind also das A und O der Szene, sowohl bei den Künstlern als auch bei den Hörern. Findest du, dass heutzutage Innovation im Drum and Bass an manchen Stellen der Stagnation gewichen ist? Vermisst du in der Musik Dinge, die du von früher kennst?

B: Nein, ich vermisse nichts. Wenn du danach suchst, findest du zu jeder Zeit heiße Drum-and-Bass-Musik. Was sich tatsächlich verändert hat, ist die Art und Weise der Entdeckung. Als ich angefangen habe, waren das diese Stellen: die Plattenläden (Beeline Records, Schall und Rausch, Freezone – alle RIP) und die Freunde die man da traf, die Plattenkiste anderer beim Gig, die Platten von DJs, zu denen ich getanzt habe, Printmagazine wie das Knowledge, die De:Bug, Fanzines wie die Persona Non Grata aus Leipzig und auch MTV. Mit dem Web 1.0 hat man sich in Foren versammelt und über neue Tunes gelesen, Top 10s ins Netz gestellt und sich über AIM Sicherheitskopien 😀 geschickt. Als das Web 2.0 da war, vereinsamten die Foren und YouTube wurde zur größten musikalischen Fundgrube. Heute digge ich in Mixsets, Blogs und Online-Magazinen, bei Bandcamp, in FB-Gruppen und auch wieder in Foren, weil da die Qualität einfach stimmt.

📷 – Mary Jane

📷 – Mary Jane

Es ist unklar, wie viel gute Musik existiert und wie leicht der Zugang auch zu vergangener Musik ist. Vielmehr liegt es an jedem selbst, wie man sich den Blick auf diese Vielfalt verstellt, oder ob es einem gelingt, aus den Filterblasen rauszukommen und links und rechts mal was anderes zu hören, oder was anderes dazu zu lesen. Wenn du nur in deiner Bubble bleibst, dann kann’s gut sein, dass du stagnierst, während sich die Musik bereits weiterentwickelt hat.

M: Eine sehr positive Anschauung hast du da. Was denkst du, welchen Stellenwert Drum and Bass heute in Leipzig hat – verglichen mit anderen Szenen? Und gibt es etwas, was du dir in 10 Jahren von dieser Musik und allem drumherum wünschst?

B: Wunschkonzert, geil das kann ich 😀 ich fänd’s günstig, wenn mehr Mädchen und Jungs Musik machen würden, einen eigenen Klang finden zur Generation dieser Stadt. Wer lieber beobachtet und gern reflektiert, soll unbedingt zu IT’S YOURS gehen und darüber schreiben, sodass dieses wichtige Projekt noch lange die Szene begleitet und herausfordert. Oder zu FrohFroh eben. Und dass die existierenden und kommenden Clubs so stabil bleiben und den Do-It-Yourself-Promotern, Labels und DJs eine Chance geben. Wenn du den langen Atem dafür hast, mach es! Siehe Trettmann.

M: Und zur ersten Frage?

B: „Our little group has always been and always will until the end.“ 😉 Ich denke wir sind eine Randsportgruppe und werden es bleiben, weil Drum and Bass sich weitestgehend nicht an die Charts verkauft.

M: Wer ist eigentlich von den Organisatoren von DNBR übrig geblieben? Ich habe gehört, dass Derrick von Ulan Bator noch mitmischt.

B: Ja Derrick, Malcolm und ich. Wir haben uns zuvor auch schon um die Orga gekümmert.

M: Nach welchen Kriterien wählt ihr das Line-up aus?

B: Wir wollen die beste Mischung aus Drum-and-Bass-DJs die aktiv waren und aktiv sind. Da reichen 3 Floors und eine Nacht jedoch nicht aus. Wir hoffen, dass wir nach und nach alle an Bord bekommen. Und wir werden darauf schauen, dass eine stilistische Vielfalt in der Running Order der Floors erhalten bleibt.

M: Das klingt doch sehr schön 🙂 Danke für das Interview! Hast du noch ein paar abschließende Worte?

B: Wir freuen uns riesig auf eine synapsenerweiternde Nacht im IfZ mit Leipzigs Drum-and-Bass-Familie. Danke für das Gespräch! 🙂

Foto von Mary Jane

📷 – Mary Jane

DRUM AND BASS RELOADED 2017
📅 21 November 2017
🏭 Insititut für Zukunft
https://www.facebook.com/events/122629245086266/

Oldschool-Floor – kein Tune neuer als 2007
Snoopy (Ulan Bator)
Malcolm (Downtown Lyrics)
audite (Boundless Beatz)
CFM (Repertoire)
Derrick (Ulan Bator)
Full Contact (Downtown Lyrics)
OG Tronic (Nasdia)
MCs: Amon & Phowa

Future-Floor – DnB-Zeitgeist
Mary Jane (XXX)
HNOY (2 Guys 1 Dub)
[TBATS] (Dublogic)
Madera (VariFocus)
Booga (Defrostatica)
conscious:mind (ease up^)
Plastiks (Blackhill Production)

Breakbeat-Floor – Wurzeln & Ausläufer
Tina (Kords+Kajal)
Donis (Radiobar Ilses Erika)

Vielen Dank an Mary Jane für die Fotos!

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