Freund – DJ – Täter

[Triggerwarnung: non-consensual p0rn]

Anfang Dezember ging eine Website online. Eine die es in sich hat. In der Leipziger Bassmusikszene hat sich ein Mensch und Freund zum Täter gemacht. Unbefugt hat er über 1.000 Fotos Fotos von Frauen, unter anderem minderjährigen, auf xHamster hochgeladen.

„Er hat bei einigen Fotos selbst den Auslöser betätigt. Das wissen wir, denn wir standen vor der Kamera. Und die Hände, die auf einem Bild zu sehen sind? Das sind offensichtlich seine. Er muss schon jahrelang Bilder gesammelt haben, denn die Fotografierten sind auf den Aufnahmen teilweise 17 Jahre jünger als heute.“

https://www.ourbodiesnotyours.com/was-passiert-ist/

Als ich sie öffnete und las war ich erstarrt, gelähmt, fassungslos – über die unveränderte Machtlosigkeit Opfer sexualisierten Verbrechens. Das Bizarre ist, ich war eigentlich gar nicht überrascht darüber, dass ein Mann erneut Grenzen einer marginalisierten Gruppe überschreitet und deren Fragilität schamlos ausnutzt.

Ich bin eine Frau – was bedeutet, dass ich leider selbst von Sexismus und sexualisierten Übergriffen betroffen bin. Ich weinte in letzter Zeit oft, aus Wut und Verzweiflung über das so schief hängende patriarchale System. Es sorgt dafür, dass Opfer keinen Frieden finden können. Die Mühlräder der Verwaltungsapparate mahlen so unendlich langsam. So langsam, dass die Betroffenen selbst zur Tat schreiten müssen und einen Weg zurück zur Normalität suchen – doch was ist heute noch „Normal“? Dass sich die Betroffenen des xHamster-Vorfalls überhaupt Gedanken darüber machen müssen, was sie tun können – das ist eine Abnormalität höchsten Grades. In solchen Fällen sollte die Polizei dafür sorgen, dass es den Betroffenen besser geht als dem Täte. Das Umgekehrte ist meist der Fall. Klar ist, Täter wird erst zum Täter, wenn das Gericht so entscheidet. Sollte es nicht Regelungen geben, welche die Opfer von sexualisierter Gewalt in Schutz nehmen? Welche die Betroffenen an die Hand nehmen, sodass diese sich nicht mehr selbst den Kopf zerbrechen müssen, welcher Schritt als nächstes gegangen werden muss? Broschüren und Empfehlungen Helfen nix, niente.
Mir hat es geholfen, dass mir Freundinnen klar gemacht haben, dass das Verhalten meiner Täter nicht richtig war, dass sie sich mit mir hinsetzten und nach Kontaktstellen suchten, E-Mails schrieben. Diese Carearbeit sollte von der Polizei kommen. Polizei dein Freund und Helfer? Die Polizei macht alles nur noch schlimmer, indem sie Betroffene nicht ernst nimmt und sich unsensibel Verhält. (Nach einem Jahr!!! fragt sie die Betroffenen nach Selfies, zum Vergleich der Fotos auf xHamster)

„Wir wollen uns über unser weiteres Vorgehen austauschen. In unserem ersten Video-Chat beschließen wir, keines unserer Bilder entfernen zu lassen, den Täter nicht bei xHamster zu melden und niemandem, außer der Polizei und unseren engsten Vertrauten, davon zu erzählen. Das fällt uns unendlich schwer – wir wollen aber unbedingt verhindern, dass er etwas von unseren Handlungen gegen ihn ahnt und uns zuvorkommt, indem er sein Profil und damit alle Beweise von xHamster entfernt, bevor die Polizei Beweise sichern kann. Eine von uns geht sofort nach dem Call zur Polizei, die meisten anderen erstatten online Anzeige.“

https://www.ourbodiesnotyours.com/was-passiert-ist/

Mir ist es wichtig darauf aufmerksam zu machen: Der Freund wurde zum Täter. Die Stimmen der Betroffenen haben eine große Gemeinsamkeit: Sie wollen von der Gesellschaft gehört werden, sie wachrütteln – aber sie hört weg, schaut nicht richtig hin. Und auch das sollte nicht der Standard sein: Aufklärungsarbeit geleistet von Betroffenen. Diese Menschen wurden traumatisiert, gebrochen und irgendwie schaffen sie es sich wieder auf ihre Beine zu stellen, um eben diese Aufklärungsarbeit zu leisten. Wenn Mensch ein Teil einer bestimmten Gesellschaft ist, dann bedeutet es sich mit dieser und so mit jeder an der Gesellschaft teilhabenden Gruppe auseinanderzusetzen. Die Mehrheit wird dagegen immer berücksichtigt.

„[…] Wie viel Scheiße wir unser ganzes Leben lang ertragen müssen, die Männern einfach erspart bleibt und dass das nicht ok ist.
Aber gleichzeitig habe ich das Gefühl, niemanden erreichen zu können und absolut unbedeutend zu sein.“ – S


„[…] Es wird Zeit, dass er für seine Tat zur Rechenschaft gezogen wird.
Ich bin wahnsinnig enttäuscht über den Verlauf des Ermittlungsverfahrens. 
Ich fühle mich machtlos und allein gelassen. […]“ – Anonym


“ […] Je mehr Fälle ich kennen lerne, je öfter ich darüber lese, was alles im gesetzlichen Rahmen nahezu konsequenzlos möglich ist und je mehr ich dazu erfahre, wie einfach es ist auf den betreffenden Webseiten intime und vertrauliche Daten zu verbreiten, desto ohnmächtiger fühle ich mich. Es macht mich traurig und wütend, dass es in einer fortschrittlichen, westlichen Welt des 21. Jahrhunderts nicht oder nur schwer möglich ist gegen diese Taten und Täter vorzugehen und, dass wenn du nicht selbst dagegen vorgehst, sich anscheinend weder Staat noch Plattformen in der Verantwortung fühlen.“ – AnMa

https://www.ourbodiesnotyours.com/unsere-stimmen/

Die Frage, wie so etwas überhaupt noch in der Welt, in der wir leben passieren kann, stellt sich mir auch. Ich vermute es fehlt an Sensibilität gegenüber diesem Thema. Es wird zwar häufiger über Vorfälle wie diese diskutiert, aber in meinem Umfeld stelle ich fest – männlich gelesenen Personen fällt es enorm schwer Fragen zu stellen. Aber gerade das ist wichtig. Es tut gut gefragt zu werden. Wie es einer mit der Thematik geht, ob Mensch eventuell ähnliche Erfahrungen machen musste, welche Folgen mit diesen einhergingen und ganz besonders wichtig: ob es ok ist diese Fragen zu stellen. Dann können sich Betroffene stückweise ihre Kontrolle über sich zurückholen – denn die wurde ihnen genommen.

Neben der Website haben Anna Nackt und Nicole einen Petition ins Leben gerufen. Sie sammeln 150.000 Unterschriften und fordern:
„Betroffenen muss endlich geholfen werden und die Porno-Plattformen müssen Verantwortung übernehmen!“
Es fehlen nicht mehr viele…
Anna Nackt und Nicole sind keine Betroffene des xHamster-Vorfalls der Leipziger Bassmusikszene. Was ihnen passiert ist und welche Erfahrungen sie sammeln mussten, deckt sich jedoch mit den Erfahrungen der xHamster-Betroffenen.

„Das ist jetzt über ein Jahr her. 
Von diesem Täter sind mehr als 50 Frauen betroffen. 
Fast alle haben Anzeige erstattet.
Eine von uns wurde zu einer Zeug*innenaussage vorgeladen. 
EINE.“

https://www.ourbodiesnotyours.com/was-passiert-ist/

Bis sich FLINTA* Personen sicher fühlen, sind noch einige Baustellen zu bearbeiten. Redet über die Thematik! Fragt FLINTA* Personen welches Verhalten sie sich wünschen. Informiert euch und haltet euch auf dem neuesten Stand. Es gibt einiges an Literatur und Medien leisten teilweise auch eine gute Berichterstattung.

News zum xHamster-Vorfall

Hilfe und Beratung:

Frauen für Frauen e. V.
Der Weiße Ring
HateAid
Hassmelden
Sheroes
Beratungsstelle Frauen gegen Gewalt e.V.

TW/ Mehr Infos zur Thematik „ungewollt im Netz“:

YouTube Filme von STRG_F über xHamster Teil 1Teil 2Teil 3
ZEIT Magazin“ über, Voyeurismus: Das unsichtbare Verbrechen
Deutschlandfunk Nova“ über Revenge P0rn
Der Standard“ über Italiens Position zum Problem
„Netzpolitik.org“ über xHamster, RedakteurInnen und das Sperren von Inhalten
„Vice“ über Neuerungen auf xHamster im Dez. 2020

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